Nach zwei Hoteltagen in Botswanas moderner Hauptstadt Gaborone zieht es uns wieder in die Kalahari. Im Fitnessraum des Hilton Garden Inn haben wir endlich die langersehnten Einheiten am Rad absolviert und ein paar Hanteln gestemmt. Es tat enorm gut, die Beine nach den langen Autoetappen wieder aufzulockern. Zwar machen wir auch im Busch regelmäßig unsere Übungen, doch ist es wesentlich entspannter, wenn man nicht ständig um sich blicken muss, ob eventuell irgendwo ein Tier auftaucht oder Ameisen und andere Krabbeltiere auch an der Yoga-Matte Gefallen finden.
In Gaborone stocken wir unsere Vorräte auf und bereiten uns und das GPS-Gerät vor für die nächste Woche vor – wir wollen in den Khutse-Sektor ganz im Süden des Central Kalahari Game Reserves eintauchen. Da die Tankstellen in „Gabs“ nicht so auf Camper eingerichtet sind, beschließen wir, unsere Wasser- und Treibstofftanks erst im nicht weit entfernten Molepolole aufzufüllen. Das klappt dank der hilfsbereiten Engen-Crew sehr gut, die für uns extra den Feuerwehrschlauch entrollt und Lunas Bauch mit frischem Wasser füllt. Zum Dank belohnen wir sie jeweils mit einer Dose Windhoek Lager, erstanden im Liquor-Store um die Ecke. Selbst die zuvor etwas träge, beleibte Dame hinter der Kassa springt sogleich gazellengleich ins Freie, dynamisch verfolgt von zwei zuvor unsichtbaren Köchinnen aus dem Tankstellen-Shop. Die Chance auf ein Freibier mobilisiert offenbar ungeahnte Energie. Das Sechser-Tragerl bleibt bei der Engen-Crew, später gibt es sicher eine Tankstellen-Party! Martin hat das offenbar geahnt und im Getränkeladen gleich sechs weitere Dosen erstanden, die wir unbemerkt in Lunas Lager-Box unterbringen. Ich hieve noch die ebenfalls erstandenen drei Pakete Feuerholz in die Dachbox – schließlich brauchen wir in den kommenden Nächten im Khutse ein ordentliches Lagerfeuer. Jetzt sind wir gut gerüstet für ein paar völlig autarke Outdoor-Tage.
Den überwiegenden Teil der Anfahrt bewältigen wir auf fast neuem Asphalt bis Lethlakeng, ab hier beginnt die rund 90 Kilometer lange, rote Sand-Wellblech-Piste, die eindeutig schon sehr lange keinen Besuch von einem „Grader“ hatte und Fahrwerk und Nerven strapaziert. Nach gut 50 Kilometer Dauervibrieren klettern wir reichlich durchgeschüttelt von den Sitzen und vertreten uns bei einem Snack die Beine. Die letzten 40km sind dann angenehmerweise etwas sandiger, und die Vorfreude auf den Park steigt, je näher wir dem Gate rücken.
Dort begrüßt uns ein Agent von BigFoot, dem privaten Vermittler der Campsites. Er checkt nur kurz unseren Voucher und schickt uns weiter zum Check-in für die Zahlung der Parkfees. Diesmal geht leider nur Cash, obwohl es der quirlige Mitarbeiter mit mehreren unserer Kreditkarten redlich versucht und eindringlich beteuert „Yesterday I swiped a card and it worked!“. Er zeigt uns sogar den Beleg der gestrigen Transaktion, aber das bringt uns jetzt auch nicht weiter.
Dafür spart er nicht mit dem Befüllen verschiedener Formulare und mehr oder weniger nützlichen Hinweisen. „Here below this stamp (er findet den Platz nach ca. 20 Sekunden mit dem Zeigefinger) is our telephone number. You can call us if anything happens“ – kurzes zögerndes Innehalten „but, yeah, we don´t have a car here to reach you“. Ich nicke kurz und antworte „well, we don´t have a net-coverage anyway“. Wir sind uns einig, die Telefonnummer können wir getrost beiseitelegen, das fehlende Fahrzeug ist dann auch schon egal…. Zum Abschied überriecht er uns noch die kleine gezeichnete Karte des Gebiets, fein säuberlich zusammengetackert mit dem Permit und dem Zahlungsbeleg und wünscht uns eine gute Zeit im Park.
Das tierische Empfangskomitee steht eng gedrängt kurz nach dem Gate bereit. Eine Ansammlung von rund dreißig Straußen gibt sich ein Stelldichein, als wir an ihnen vorbei im Khutse Game Resevere einfahren. Sie bewegen sich nur unmerklich vom Fleck, nur ihre langen kahlen Hälse schwanken neugierig hin und her – kaum erkennbar, welcher Kopf zu welchem Vogel gehört.
Unser gebuchtes Camp an der Khutse Pan ist schnell gefunden und wir richten uns gleich für die Nacht ein. Martin sammelt noch Anzündholz, doch heute kriegen wir das Feuer nur mühsam in Gang, das neue Holz war in Plastikhüllen und daher vermutlich etwas feucht, es zischt, surrt und raucht mehr als sonst. Achtsam lauschen wir in den Busch, unsere Scheinwerfer hat Martin in alle Richtungen aufgestellt, um den kreisrunden Site gut auszuleuchten.
“Der Mond ist aufgegangen. Die goldenen Sternlein prangen am Himmel hell und klar… ” fallen mir die ersten Zeilen des alten Liedes ein beim Spektakel, das sich vor uns am Nachthimmel abspielt. Angekündigt von glühendem Schein am Horizont taucht riesenhaft und rot der Vollmond hinter den schwarzen Dornbüschen vor unserem Campsite auf. Umschmeichelt von den starken Armen des knorrigen halb am Boden liegenden Baumes wandert er bedächtig empor und taucht den Busch um uns in ein weiches Licht. Luna strahlt im Licht ihres großen Namenskollegen. Eine magische Stimmung! Wir gehen verzaubert schlafen und werden nur hin und wieder von den Rufen der Schakale kurz geweckt.
Der Sonnenaufgang am nächsten Morgen ist ähnlich schön anzusehen wie am späten Abend jener des Mondes. Beinah an der gleichen Stelle blinzelt sie hinter dem Horizont hervor und beginnt uns mit ihren wärmenden Strahlen zu kitzeln. Da weiß man dann, warum sich frühes Aufstehen lohnt.
Wir nähern uns einem netten Wasserloch abseits der Hauptpiste nach Marushele. Die Gnus sind die ersten, die vor Lunas unverwechselbarem Sound türmen, weiße Staubwolken aufwirbelnd galoppieren sie aufgereiht wir schwarze Perlen an einer Schnur davon auf der strohgelben Ebene, um sich in sicherer Entfernung zu sammeln und wieder ihrer Lieblingsbeschäftigung zuzuwenden – dem Grasen.
Die kleine Herde von Red Hartebeest tollt weiter am Wasserloch herum. Sie sind so sehr mit ihren Kämpfen beschäftigt, dass sie Luna erst gar nicht bemerken. Mal stehend mit einem Vorderhuf im grauen Lehmboden scharrend, dann gestützt auf ihren vorderen Knien wetzen sie die oben gebogenen Hörner aneinander. Ihr kastanienbraunes Fell glänzt, die Nase und die langen Beine sind jeweils geziert von einem schwarzen Streifen.
Neben uns biegen sich die langen Halme des goldig schimmernden Grases in der noch kühlen Morgenbrise und wir folgen wieder einmal der Fährte eines Geisterleoparden, der die Fahrspur in der Nacht benutzt hat. Nach wenigen hundert Metern verliert sich die Fährte im Busch. In 99 von 100 Fällen, in denen wir Katzenspuren in der Fahrspur sehen, finden wir die Katze(n) nicht, aber es ist eben genau jeder 100. Fall, der die Spannung, einer Fährte zu folgen, jedes Mal aufrechterhält!
Das Molose-Waterhole liegt schön und hat viel Wasser. An den Ufern flattern unzählige Vögel und sogar eine einzelne Ente (!) zieht gemütlich über die glatte Oberfläche. Wie kleine Regentropfen schlagen die Mücken auf das Wasser und lassen kleine, kreisförmige Wellenkrater entstehen. Sundowner auf unserer „Dach-Terrasse“ mit den kalten Savannas könnte kitschiger nicht sein. Die Schatten werden schnell länger, bis die Sonne malerisch am Horizont verschwindet und einen rosa-lila-goldigen Schimmer hinterlässt, der sukzessive mit dem blaugrauen Himmel verschmilzt.
Die Farben schwinden und der Nachthimmel zieht ein schwarzes Glitzerkleid über. Unser Feuer brennt schon eine Weile und wir stoßen mit blauem „NamGin“ & Tonic auf einen weiteren schönen Tag in Khutses stimmungsvoller Wildnis an. Rund um uns ist alles schlafen gegangen, nur ein einsamer großer Grashüpfer macht noch ein paar waghalsige Sprünge um unsere Feuerstelle. Es ist ihm dann aber doch zu heiß, hier herumzuturnen, und er verzieht sich wieder ins vertraute sichere Terrain jenseits der Campsite-Grenze.
Kaum im Schlafsack eingemummt, vernehmen wir deutlich Löwengebrüll, zunächst noch weiter entfernt. Wir schlafen ein, bis uns urplötzlich ein nicht mehr allzu weit entfernter, markerschütternder Schrei eines Tieres weckt. Die Löwen haben zugeschlagen. Abwechselnd sind nun die endgültigen letzten Laute des gerissenen Tieres und jene der Jäger zu hören. Dann ist es wieder vollkommen still. Löwen fressen leise.
Am Morgen brechen wir gleich nach dem Aufstehen auf, hinunter zum nur rund einen Kilometer entfernten Wasserloch, um zu sehen, ob wir etwas vom nächtlichen Aufruhr entdecken. Aber nichts, nur eine Gruppe Perlhühner pickt eifrig im niedergetrampelten Gras nach Samen und Insekten, ihre typischen gepunkteten Federn vom Wind zerzaust aufgestellt. Erdhörnchen sind offenbar keine Frühaufsteher, kaum eines wagt zu so früher Stunde, sein neugieriges Näslein aus einem der vielen Eingänge im Boden zu stecken. Auch wir sind noch schlaftrunken, und es ist Zeit, Kaffee zu brauen, und kurz darauf dampft er heiß und verlockend duftend in den Häferln. Sogar die Scheiben beschlagen. Herrliche Oryx schreiten im Paar heran und beäugen uns mit Vorsicht. Eine dritter, der sich von der anderen Seite im Galopp angenähert hat, gesellt sich zu ihnen, und schon sind wir nicht mehr interessant für sie.
Wir unternehmen keinen Versuch mehr, die Löwen im dichten Buschwerk aufzuspüren, sondern begeben uns gleich nach Süden. Es ist ein guter Tag, denn er beschert uns gleich am Morgen einen Elefanten. Hinter einer Kurve steht plötzlich ein riesiger Elefantenbulle mitten auf dem Weg. Er ist nicht auf Streit aus, nach seinen ersten (harmlosen) Drohgebärden setzen wir ein klein wenig langsam zurück und geben ihm Raum. Es wirkt, er schreitet seitlich in den Büschen an uns vorbei, hält ca. 5 Meter neben Luna nochmals an und zeigt nochmals sein breites graues Antlitz, den breiten runzeligen Rüssel über den Boden schwenkend. Sein Kopf wiegt ein paarmal hin und her, er spreizt die Ohren und wendet sich ab. Hinter Luna bummelt er dann wieder auf die Straße in die Gegenrichtung, so als wäre alles nur ein zuvorkommendes Ausweichmanöver unter zwei geländegängigen, großen, grauen Straßenbenutzern gewesen. Wenn sie könnte, würde Luna jetzt wohl tröten. Irgendwann lassen wir uns eine Hupe mit Elefanten-Getröte als Ton einbauen….
Durch schöne Buschlandschaft erreichen wir ohne weitere Aufregungen die Moreswe-Pan, die wir sogleich umrunden. Erhöht am Hügel und mit Ausblick auf die Pfanne liegt unser kreisrunder Campsite. Es gefällt uns hier sofort.
Da das Wegenetz am südlichsten Punkt des Parks ohnehin nicht sehr weitläufig ist, bleibt der Abend-Gamedrive kurz, und wir verweilen länger am ruhigen Wasserloch. Ein einzelner Waffenkiebitz nimmt noch ein letztes Federbad, bis er – sein blechernes Gezeter ausstoßend – abfliegt. Die Erdhörnchen wuseln nur noch kurz um die zahlreichen Eingänge ihres Baus. Als die Sonne hinter dem Hügel verschwindet, sind sie schon längst tief unter uns schlafen gegangen.
Ruhig sitze ich noch eine Weile allein auf Lunas Dachterrasse und genieße den letzten Abend hier. Ich schließlich die Augen, atme tief den Duft des Busches ein. Später, zurück in unserer hektischen westlichen Welt, sind es genau die Erinnerungen an derlei Momente, die uns zurückversetzen werden in die stimmungsvollen Weiten und die absolute Ruhe des Khutse Game Reserves.
Tipps für das Khutse Game Reserve (August 2025):
- Wenn man schnell die Big 5 abhaken will, ist man hier falsch. Khutse brilliert mit seiner Ruhe, seinen Stimmungen und der Weite der Pfannen.
- Die Anfahrt besteht aus 90 Kilometer Wellblech. Sehr oft dürfte hier kein Grader vorbeikommen, also sind in einigen Passagen Geduld und Durchhaltevermögen gefragt.
- Zum letzten Einkauf vor Khutse eignet sich Molepolole sehr gut. In Lethlakeng, der letzten Stadt vor der Zufahrt, ist das Angebot beschränkt auf einen Choppies mit der üblichen, eher überschaubaren Angebotsvielfalt und -qualität.
- Genug Cash mitnehmen für die Camping-Fees und den Parkeintritt. Die Kreditkarten-Maschine wird wohl nicht nur bei uns hie und da nicht funktionieren.
- Die Campsites können über BigFoot vorab gebucht werden, aber kam kann durchaus auch direkt zum Gate fahren und dort Sites buchen. Der Park ist noch ein Geheim-Tipp und findet sich nicht in den Pauschal-Routen, sodass sicher irgendein Platz zu finden ist.
- Wasser und Feuerholz wurde uns am Gate angeboten – natürlich ist das keine Garantie, dass immer Wasser verfügbar sein wird.




































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