Kalahari Sands Meerkat Sanctuary

Die Kalahari wollen wir keinesfalls verlassen, ohne noch einmal die von uns geliebten Erdmännchen (auf südafrikanisch „Meerkats“) zu sehen. Das „Kalahari Sands Meerkat Sanctuary“ war daher von Anfang an ein Fixpunkt in unserer Reiseplanung. Das Sanctuary hat sich als Anlaufstelle für alle entwickelt, die – aus welchen Gründen auch immer – Erdmännchen abgeben wollen, meistens, weil sie sie irgendwo verletzt oder verwaist finden oder (vergeblich) versucht haben, sie zu domestizieren.

Die Tiere werden dann auf der Station quasi „resozialisiert“, also in eine Gruppe eingebunden, in abgegrenzten Arealen an ihre natürliche Lebensweise und Nahrung gewöhnt und dann nach 6-9 Monaten ausgewildert. In der Wildnis leben sie meist in Gruppen von 4-30 Individuen, angeführt von einem dominanten Weibchen, das als einziges auch 2-3mal im Jahr wirft.

Der Campsite am Gelände des Sanctuary ist sehr liebevoll angelegt im Feld vor dem Hauptgebäude mit Blick auf die leicht bewachsenen, roten Dünenkämme. Die Feuerstelle ist wie ein kleiner, runder Kamin, genial einfach gebaut aus einem Stück Blechtonne auf einem gemauerten Sockel. So strahlt die Wärme am Beginn einer kalten Wüstennacht wunderbar zu uns ab. 

Ich spüre schon in der Früh, als ich die Nase vorsichtig unter der Decke hervorstrecke, dass wir einheizen müssen. Es war sogar derart kalt in der Nacht, dass sich am Wasserhahn am WC ein Eiszapfen gebildet hatte! Um 7:30 Uhr sind wir fertig und abmarschbereit für den vereinbarten Morgenspaziergang mit den Erdmännchen. Nur die kleinen Racker noch nicht. Wir müssen uns noch etwas gedulden, bis sie aus ihrem Bau hervorkommen und eingefangen sind. 

Die täglichen Spaziergänge sind äußerst wichtig, um die Tiere auf die Auswilderung vorzubereiten. Marilie, die Betreuerin, fängt gekonnt zwei ihrer possierlichen Schützlinge ein und klemmt sie unter ihrem Arm und unter ihrer dicken Daunenjacke ein. Manchmal springt der wachere der beiden – noch etwas zitternd vor Kälte – auf ihre Schulter, stellt sich ganz in Erdmännchenmanier auf die Hinterbeinchen und blickt aufgeregt in alle Richtungen. Er vermeldet „brrrt brrrt“ oder „brrarratbbrraat“. Ohne Unterlass kommunizieren die beiden miteinander, jeder Laut von Marilies Schulter wird – etwas gedämpft – unter Marilies Jacke kommentiert. Wir lernen, dass Erdmännchen rund 40 unterschiedliche Laute verwenden, um sich entweder über Futter auszutauschen oder vor einem Feind in der Luft oder am Boden zu warnen. Vor allem die Warnrufe vor Angreifern sind stark differenziert nach Art, Nähe und Größe der Bedrohung und rufen eingespielte Reflexe bei allen Gruppenmitgliedern hervor – sofortige Flucht, erhöhte Aufmerksamkeit oder Gegenangriff.

Zum Futter der Meerkats zählt eigentlich „everything slimy or crunchy“ – also zu 90% Insekten aller Art, aber auch Skorpione, manchmal sogar kleine Vögel und Eier. Erdmännchen haben generell wenig Angst vor Gifttieren, da sie über extrem schnelle Reflexe verfügen. Skorpionen reißen sie gezielt zuerst den Stachel aus, um dann ein Festmahl zu feiern. Aber selbst einer Kap-Cobra stellen sie sich (nach einem charakteristischen „Rekrutierungs“-Laut in der Gruppe mutig gegenüber und können sie gemeinsam sogar vertreiben, bevor sie ihrem Bau zu nahe kommt. Marilie meint, dass sie wie alle kleinen Tiere viel zu mutig für ihre Größe seien.

Weit oben auf den Dünen angekommen, ist dann endlich Herumtollen angesagt für die beiden Erdmännchen. Sie dürfen hier nach Herzenslust graben, scharren, in Löcher schlüpfen und versuchen, selbst Insekten zu jagen. Manchmal hilft ihre Betreuerin nach und schenkt ihnen einen Käfer oder Grashüpfer. So niedlich Erdmännchen auch aussehen, wird uns beim Beobachten bewusst, dass sie pausenlos jagende Fressmaschinen mit spitzen Zähnen und Krallen sind.

Flink rasen die beiden zwischen den Grasbüscheln hin und her, manchmal auch über unsere Füße. Immer wieder stellen sie sich auf für einen Kontrollblick, der vor allem auch den Himmel absucht, zählen doch größere Raubvögel zu den größten Feinden der kleinen Gesellen.

Eine größere Bedrohung als von Adler, Habicht oder Bussard geht für Erdmännchen nur von der eigenen Art aus – etwa 20% der Population wird von anderen Erdmännchen getötet, entweder bei teilweise erbittert geführten Revierkämpfen unter den Gruppen, vielfach aber auch innerhalb der Gruppe selbst. Vor allem Jungtiere, die von subdominanten Weibchen geworfen werden, haben kaum Überlebenschancen. Dieses Verhalten bringt die Art unter die Top 10 der „Mörder-Arten“ (der Mensch ist da erstaunlicherweise nicht unter den Top 10).

Aufgrund der also durchaus auch aggressiven Wesenszüge der Meerkats müssen sie vom Sanctuary auch sehr vorsichtig ausgewildert werden. Sobald eine Gruppe bereit ist, die Hierarchien gefestigt sind und sich jedes Tier der Gruppe auch selbst ernähren kann, wird ein Territorium gesucht, das weit genug entfernt von den Territorien der anderen Gruppen ist. Die Tiere werden dann in einem großen Käfig an die neue Umgebung gewöhnt, und – da der Käfig unten offen ist – graben sie sich in die Freiheit, sobald sie Lust dazu haben.

Nach einer guten Stunde, in denen wir die herumrasenden Erdmännchen beobachtet und von Marilie auch viel über die sonstigen Tierspuren auf der Düne lernen konnten, ist es Zeit, wieder hinabzusteigen. Doch die zwei Racker sind da absolut anderer Meinung, und so gelingt es erst nach einigen Fehlgriffen, zuerst einen und viele Versuche später den inzwischen gewarnten zweiten wieder am Schwanz zu packen und für den Heimtransport unter die Jacke zu stecken – natürlich behält Marilie die beiden Schwänze immer fest im Griff, um jeden Fluchtversuch schon im Keim zu ersticken. Als einer Marilie zu beißen versucht, beißt sie kurzerhand in dessen Schwanz zurück. Und aus! Aus der Jacke ertönt etwas gedämpft ein Protest-„brrrrrt brrt brrrtt“. 

Zurück in ihrem Gehege, vereint mit weiteren Artgenossen und versorgt mit köstlichem Frühstück, ist die Welt dann aber ganz schnell wieder vollkommen in Ordnung. Es wird wieder bestens gelaunt herumgefetzt und im Sand gebuddelt. Und bald dürfen sie ja ganz raus und im der großen Kalahari-Sandkiste sein selbstbestimmtes Leben führen!

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