Endlos zieht sich das Asphaltband durch die Namib. Der schwarze Strich endet oft erst zwischen Dünen am Horizont, neben der Straße verläuft der Eisenbahndamm, alle circa 50 Kilometer ein verfallenes Bahnhofsgebäude im Niemandsland, das sich die Wüste nach und nach wieder einverleibt. Von über 1.500 Meter Seehöhe fahren wir hinunter ans Meer, nach Lüderitz. Der Wind ist stark, teilweise orkanartige Böen zwingen mich zum permanenten Gegenlenken, ein Lastwagen vor uns wird kurz von der Straße getrieben und wirbelt einen Sandsturm hoch, die immer wieder aufgestellten dreieckigen Warntafeln mit der Warnung „SAND“ bringen kaum Mehrwert. 10 Kilometer vor Lüderitz wird die Strecke kurviger, und abrupt taucht hinter einer Kurve, auf schwarzglänzenden Felsen, etwas erhöht über dem Meer die Stadt Lüderitz auf. Noch vor drei Minuten waren wir zwischen Dünen, jetzt fahren wir zwischen pastellfarbenen, liebevoll restaurierten Jugendstilvillen!
Lüderitz ist ein gepflegtes, beschauliches Städtchen, das wohl vor allem von seiner kolonialen Vergangenheit und damit vom Tourismus lebt. Diamanten aus dem umliegenden Sperrgebiet spielen sicher noch eine gewisse Rolle, auch Zinn aus einer nahegelegenen Mine, Mangan aus Südafrika und viele der Weintrauben vom Oranje scheinen über den kleinen lokalen Hafen verschifft zu werden. Es gibt Pläne für riesige Windfarmen, deren Energie zur Produktion von grünem Wasserstoff für Europa verwendet werden soll („We export solutions, not ressources!“), aber bis zur Umsetzung werden wohl noch einige Jahre ins Land ziehen. Wir fragen uns auch, wie vermieden werden soll, dass sprichwörtlich „Sand ins Getriebe“ der Turbinen kommt. Die wenigen bereits bestehenden Windräder drehen sich jedenfalls trotz des starken Windes nicht….
1487 wird die Bucht bei Lüderitz vom portugiesischen Seefahrer Bartolomeus Diaz auf der Suche nach Schutz vor einem Sturm erstmals angelaufen, weitere Versuche scheitern dann wegen der vielen Felsen und der schwierigen Strömungs- und Wetterbedingungen, bis schließlich 1883 ein Abgesandter des deutschen Kaufmanns Lüderitz anlandete und Land bis hinunter zum Oranje kaufte, um vor allem auf den vorgelagerten Inseln Guano abzubauen. Der Vogelmist war dann wohl schnell vergessen, als 1908 in der Region das Diamantenfieber ausbrach….
Die deutsche Vergangenheit ist in Lüderitz an jeder Ecke spürbar, viele Straßen und Geschäfte tragen deutsche Namen. Aber auch die dunklen Schatten des deutschen Protektorats liegen über der Stadt, gab es doch hier ein KZ-ähnliches Gefangenenlager, in dem Anfang des 20. Jahrhunderts 3.000 Nama und Herero ums Leben kamen. Das Gelände des ehemaligen Lagers befand sich an der Spitze der Halbinsel „Shark Island“ und wurde bis vor kurzem als Campingplatz genutzt. Da der Wind zur Abwechslung nicht allzu stark zu sein scheint, steuern wir ihn zielsicher an. Am Gate erfahren wir jedoch, dass er vor drei Tagen (am 1.9.2025 – 121 Jahre nach den Massenmorden) aus Pietätsgründen für Übernachtungsgäste geschlossen wurde, nur die Besichtigung als historische Stätte sei noch möglich. Manche Dinge brauchen eben etwas länger….. Nachdenklich, aber natürlich mit vollem Verständnis für diese Maßnahme, drehen wir um und finden ein paar Meter weiter eine sehr nette Self Catering Unit – gönnen wir uns eben mal für zwei Nächte ein Zimmer!
In Lüderitz stehen drei Dinge auf unserem Programm: Die Geisterstadt Kolmanskuppe, die Buchten südlich der Stadt am Point Diaz und natürlich Austern, die hier in den gezüchtet werden. Fisch und Austern gibt es an den beiden Abenden reichlich (und in wirklich guter Qualität), den Vormittag nutzen wir für die Geisterstadt, den Nachmittag für die Buchten.
Kolmanskuppe zieht uns unerwartet heftig in seinen Bann. Eigentlich erwarten wir uns „nur“ eine Ansammlung von Ruinen, die sich die Wüste wieder einverleibt. Aber wir bekommen in einer ausgezeichneten einstündigen Führung faszinierende Fakten aufgetischt, der Hauch der Geschichte vermengt sich mit dem tobenden Sandsturm und bringt die teilweise gut erhaltenen Häuser wieder zum Leben.
Kolmanskuppe wurde 1908 als Hauptquartier des Diamantenmillionärs August Stauch gegründet, der sich die Schürfrechte in der Gegend gesichert hatte. Die Vorkommen an Diamanten waren nicht nur reichlich, sondern auch einfach abbaubar – man musste die Edelsteine eigentlich nur vom Boden aufsammeln. Vor 100 Jahren wurde Kolmanskuppe dadurch zu einer der reichsten Städte der Welt – die Bewohner lebten in Saus und Braus, man leistete sich jeden Luxus, beispielsweise einen beheizten Swimmingpool, eine eigene Tram, die täglich Frischwasser brachte, den ersten von Miele gebauten analogen Wäschetrockner, die erste industrielle Eisfabrik Afrikas für stets frisches Fleisch (und kühles Bier beim vergnüglichen Abend an der weltweit zweiten Kegelbahn) sowie ein Casino für Gastauftritte internationaler Akrobaten. Elektrizität, Wasserklosett und Telefone waren eine Selbstverständlichkeit, auch ein gut ausgestattetes Krankenhaus mit dem weltweit dritten Röntgengerät. Dieses wurde allerdings nicht so sehr für medizinische Notfälle gebraucht, sondern eher zur Untersuchung der Arbeiter, die am Ende ihrer Vertragsperiode nach zwei vollen Jahren erstmal das Sperrgebiet verlassen durften. Man wollte verhindern, dass diese einen verschluckten Diamanten hinausschmuggeln. Die bis zu 800 Arbeiter wohnten in Baracken, die nur durch einen Zaun von Kolmanskuppe getrennt waren. In Sichtweite der Stadt blieb ihnen das herrliche Leben jenseits des Zauns allerdings verwehrt.
Die Häuser der Elite der Stadt (Architekt, Quartiermeister, Buchhalter, Lehrer, Direktoren, Ingenieure) sind in der Mehrzahl erstaunlich gut erhalten. Erbaut von hochbezahlten Baumeistern mit importierten Materialien (Stahlrahmen, Holzböden, Fliesen, Marmor kamen aus Europa) halten viele den extremen klimatischen Bedingungen bis heute stand. Selbst für die Mauern verwendete man Sand aus Europa (in die Wüste!), da die Körner des lokale Sands durch die vielen Stürme zu abgerundet sind und sich daher für die Erzeugung von Beton kaum eignen. Einige Häuser erscheinen – vielleicht nach einem Generalputz – beinahe bezugsfertig, bei einigen schlägt die Wüste jedoch erbarmungslos zu. Der Sturm zertrümmerte Fenster, wodurch Sand durch die Räume peitscht, kleine Dünen bildet, Waschbecken und Badewannen füllt und die WCs in SCs verwandelt. Manche Dächer sind partiell durchlöchert, sodass das gleißende Sonnenlicht hereinbricht und vergängliche Muster in den Sand malt. Fensterbalken erzittern im Wind, der immer wieder neue Türen öffnet, die von der sandigen Kralle der Wüste festgehalten werden und ihr das Eindringen in den nächsten Raum ermöglichen.
Wir genießen es, nach der informativen Führung noch einmal allein durch die Häuser zu streifen und stellen uns vor, wie gut es sich hier trotz der extremen Witterung leben ließ, bis die Stadt 1956 schließlich sich selbst überlassen wurde, als noch reichere Diamanten-Vorkommen in anderen Gebieten Namibias entdeckt wurden.
Voll mit Eindrücken und gestärkt von einem herrlich kalten Durstlöscher im reizenden Casino-Café, kämpfen wir uns gegen die mittlerweile heißen Sandböen wieder zu Luna durch und machen uns auf an die Küste. 10 Kilometer später sind wir zurück am Meer und fahren hinaus zu verschiedenen Buchten auf der Halbinsel südlich von Lüderitz. Felsen und Dünen lösen einander ab, die Navigation ist nicht ganz einfach, da ich Pisten zu nah am Meer vermeiden möchte, um Luna nicht allzu viel Salz zuzumuten. Außerdem führt uns das Navi immer wieder zu sehr in die Dünen, nicht unbedingt ein Revier für einen schweren Overlander. Wir drehen immer wieder mal um, finden aber die Hauptzufahrt zum Diaz Point, den wir über eine kurze Wanderung erreichen. Der Atlantik peitscht gegen die Küste. Die kleinen Strände sind übersäht mit Muscheln, auf den kleinen vorgelagerten Inseln wärmen sich Robben in der heißen Nachmittagssonne auf. Dazwischen sehen wir die Spitzen der Kelp-Wälder in den Wellen schwanken. Wir machen eine ausgedehnte Strandwanderung und genießen die feuchte Meeres-Brise – welch Wohltat nach dem im wahrsten Sinn staubtrockenen Vormittag! Mit Austern am Abend beschließen wir unsere Zeit am Meer und brechen am nächsten Morgen zeitig auf für den langen Anstieg durch die Namib zurück in die Berge.
Tipps für Lüderitz (September 2025):
- Der Campsite auf Shark Island ist geschlossen, es gibt aber zahlreiche Guesthouses und Self Catering Units auf der Halbinsel und in der Stadt. Wir waren im Island Cottage und haben uns dort sehr wohlgefühlt.
- Der Campsite am Diaz Point hat wieder geöffnet und eignet sich für eine Nacht in der Einsamkeit der Küstendünen, zahlreiche Wild Camping Spots in den Dünen und Buchten sind sicher auch schön, wenn es gerade mal nicht zu windig ist.
- Zwei Nächte in Lüderitz reichen, um alles (inklusive Kolmanskuppe) gemütlich zu sehen.
- Kulinarisch bekommt man in Lüderitz alles. Wie so oft am Meer sind natürlich Fische und Meeresfrüchte zu empfehlen, hier vor allem auch die Austern, die in den Buchten gezogen werden. Wir waren mit dem „Portuguese Fisherman“ und dem „Essenzeit“ sehr zufrieden. Beide haben für warme Abende auch nette Terrassen.
- Für Kolmanskuppe empfehlen wir, die Führung mitzumachen, da man einen kurzweiligen, kompakten Überblick bekommt. Die erste beginnt um 09:30 Uhr, gute Scones und (ausgezeichneten) Kaffee gibt es im Restaurant, also ist es eine gute Idee, ein paar Minuten früher zu kommen. Die zweite Führung um 11:30 Uhr ist sicher schon fast unerträglich heiß, der Sandsturm wird dann auch eher stärker.
Eindrücke aus Kolmanskuppe, der Geisterstadt bei Lüderitz:
Eindrücke aus Lüderitz und den Buchten:



















































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