Blutkuppe und Mondlandschaft


Über den Gaub-Pass und den Kuiseb-Pass düsen wir vom Desert Camp in Richtung Norden. Die Permits für die Befahrung und Übernachtung in der Gegend rund um die Blutkuppe und Tinkas-Berge haben wir bereits in Sesriem erstanden. Die Pässe sind malerisch, wobei in Namibia ein Pass fast immer verkehrt herum funktioniert. Man nähert sich auf endloser Ebene und urplötzlich geht es in Schleifen hinab in ein tiefes Tal, das der Fluss (hier der Kuiseb) jahrtausendelang in den Felsen gefräst hat. Momentan führt er kein Wasser, die Böschungen und Pfeiler der Betonbrücken weisen aber darauf hin, wie hoch und reißend er nach starken Regenfällen werden kann. 

Die wellenförmigen Kuppen erscheinen wie aneinandergereihte Bienenkörbe, mal mit goldigem Gras bedeckt, mal dunkelbraun bis schwarz schimmernd. Der Boden glitzert überall. Ein paarmal halten wir für Fotostopps und verlassen nur kurz das gekühlte Wageninnere hinaus in die brütende Hitze. Nach dem Pass dreht die Strecke nach Norden ab und taucht in eine unendliche Grassavanne ein. Sie ist fast unmerklich durchbrochen von flachen Rivieren, an deren Rändern es etwas grüner ist und wo hin und wieder auch Bäume wachsen. Wir sehen zwar keine, aber hier könnten tatsächlich auch Giraffen überleben. 

Wir treffen auf ein einziges Fahrzeug in Gegenrichtung. Der Fahrer bleibt stehen und winkt.  Mit ratlosem Gesichtsausdruck und Schulterzucken erklärt er: „We got lost since yesterday, which direction is Solitaire?“ Wir können ihm helfen, einfach diese Piste entlang bis zur Kreuzung, dann links immer der Piste entlang für ca. 100 km, dann kommt die Tankstelle von Solitaire und ein guter Kuchen. Seufzend, aber dankbar fahren die beiden weiter.

An der C28 erreichen wir die Einfahrt in den Naukluft Park, wir folgen den Wegweisern zu den Tinkas-Bergen, die schon schemenhaft am Horizont auszumachen sind. Hier bekommt das Wort „karg“ eine neue Dimension. Auf dem grauen, steinigen Untergrund wächst, so scheint uns, absolut gar nichts. Dennoch laufen neben uns ein paar Strauße ein trockenes Flussbett entlang, hier stehen immerhin ein paar Bäume. Die Fahrt ist lustig und abwechslungsreich, es wird felsiger und höchste Zeit für eine Jause. Bei Middle Tinkas finden wir rasch den perfekten Rastplatz, ausgestattet mit Picknicktisch, Betonhocker und ein ums Eck positioniertes Plumpsklo. Der Felsmugel besticht mit mehreren kleinen Höhlen und Vorsprüngen, womit den ganzen Tag über für Schatten und Windschutz gesorgt ist. Wir beschließen kurzerhand, hier auch zu nächtigen. Sogar eine Nische für ein improvisiertes Badezimmer finden wir. Martin stellt sogleich das Wasser für die Kanister-Dusche in die Sonne, damit wir dem Badespaß später auch mit heißem Wasser frönen können. Während die Sonne das Aufheizen unseres Buschboilers übernimmt, machen wir erst mal ein Verdauungs-Nickerchen und wecken uns danach mit einem kräftigen Mokka für die Abendexkursion zu den ca. 10 km nordöstlichen von uns gelegenen „Archer‘s Rocks“. Über steiniges Geläuf und einige Sandpassagen erreichen wir die schönen Felsbögen. Auch hier wurden zwei coole Campsites angelegt, hoch oben auf den Felsen mit schattigen Höhlen. Aber unserer ist dennoch der beste, weil der Wind nicht ganz so stark bläst und er näher beim Ausgangspunkt unserer geplanten Wanderung entlang des Rock Sculpture Trails liegt. 

Die Dusche am Abend ist herrlich, jeder von uns hat 2,5 Liter wohlig warmes Wasser zur Verfügung. Mehr braucht es nicht fürs Einseifen und Abduschen. Erfrischt setzen wir uns auf die Granitfelsen und danken der Sonne für ihre Energiespende. 

Die Wanderung starten wir am nächsten Morgen nur 5 km entfernt schon um 7 Uhr. Es ist noch angenehm kühl und so wandeln wir fröhlich neugierig zwischen den imposanten Granitboldern. Es macht Spaß, nach den von der Natur geformten Skulpturen mit so klingenden Namen wie „The Phantom“, „The Hut“ und „Elephant Head“ Ausschau zu halten. Wir finden – geleitet von unserer Vorstellungskraft – auch noch eine bequeme Lounge Couch, einen übergroßen Brokkoli, eine Miniaturfelsenstadt und marschieren durch ein Dinosauriergerippe. Am Wendepunkt des Trails erklimmen wir den „Sentry Hill“, der uns wieder ein 360 Grad Panorama bietet. Man sieht von hier oben sehr gut den Berg namens „Langer Heinrich“ und  gleich links daneben die Abraumhügel der gleichnamigen Tagebau-Uranmine, eine der größten weltweit. Hinter uns breitet sich ein Flusstal aus, und in direkter Linie nach Westen finde ich mit dem Fernglas auch Luna, die auf dem Parkplatz hinter einem Granitmugel auf uns wartet. Damit ist auch klar, wie weit es noch retour ist. Noch einen Schluck Wasser und wir steigen die Serpentinen durch das stark eisenhaltige Gestein, das in kleinen Stäben und Quadern die Bergkuppe bedeckt, bergab. Weiter unten gehen wir  lange auf erstarrter Lava dahin, die fallweise von sandigen Vertiefungen mit trockenem Gras unterbrochen ist. Der eine oder andere Pionierbusch und solitäre Köcherbäume zieren den Weg. 

Inzwischen ist es heiß geworden, so kommen uns die gelegentlichen Abstecher durch die engen Gänge zwischen gigantischen Boldern sehr entgegen, da es dort noch angenehme Schattenplätze gibt. War das eine schöne Tour? Martin nickt bestätigend. Insgesamt haben wir für den Trail rund drei Stunden gebraucht, inklusive zahlreicher Fotostopps und den Aufstieg auf den „Sentry Hill“. Der Weg ist überwiegen leicht zu gehen und vorbildlich mit zahlreichen weißen Pfeilen oder Punkten markiert. Trotz der Anmutung eines Stein-Labyrinths, geht man hier wohl kaum verloren, und sollte man sich mal versteigen, klettert man einfach auf eine der Erhebungen und checkt, wo die nächste Markierung ist oder in welcher Richtung die Blutkuppe liegt.

Gerne tauschen wir nun die Wanderschuhe wieder gegen die luftigen Salomon-Patschen, die wir im Auto meistens tragen, und lassen uns auf die Autositze fallen.

Am riesigen Monolith „Blutkoppe“ vorbei ziehen wir weiter auf den Welwitschia-Drive. Den beeindruckenden Swakop River Canyon queren wir dazu und düsen auf eine weiße Hochebene hinauf. Nach und nach werden die Welwitschien zahlreicher, das Ziel ist jedoch der Methusalem unter diesen einzigartigen Pflanzen. Wir hatten das angeblich rund 1500 Jahre alte Exemplar vor mehr als 20 Jahren besucht. Unser Dieseltank war damals leer und wir mussten aus dem Reservekanister nachfüllen. Da wir aber keinen Trichter hatten, mag es sein, dass einige Tropfen daneben gingen. Die Pflanze hat die Aktion offenbar unbeschadet überstanden. Sie sitzt noch immer in voller Pracht am Boden, gut abgeschirmt durch einen Zaun, damit die Besucher ihre oberflächennahen Wurzeln nicht zertrampeln. Die braucht die Pflanze, um Wasser aus der Luft aufzunehmen. Auch um die weiteren Exemplare, die hier ringsum verstreut stehen, wurden Steinkreise gebastelt. Nach diesem kurzen Abstecher wechseln wir wieder die Canyon-Seite und düsen weiter zu den Ausbilckspunkten auf die berühmte Mondlandschaft, die den Swakop River beidseitig mit ihren tiefen Schluchten, Gräben und Furchen einrahmt. Farblich in grau, weiß, beige, schwarz getaucht, schimmern die unterschiedlichen Gesteine. Für Geologen muss das ein Paradies sein. Wir lösen uns von diesen Blicken von oben, nun wollen wir auch erkunden, wie es denn unten im Canyon aussieht. Da das von uns eigentlich gewählte Camp wegen der Weihnachtsferien  geschlossen ist, verbringen wir die Nacht in Guanikontes. Sehr früh am Morgen verlassen wir das wenig charmante Camp, und biegen ein in das tiefsandige Reviere. Es ist großartig. Wir lassen uns treiben, nehmen unterschiedliche Abzweigungen in die Seitentäler. Überall entdecken wir tolle Felsformationen und von der Erosion geschaffene Säulen. Erinnerungen an die Colinas, die wir im Frühjahr in Angola besucht hatten, werden geweckt. Wie dort finden wir auch hier jede Menge Wildcampingplätze. Sollten wir wiederkommen, wäre das unsere Wahl. Einer liegt an der „Flintstone-Cave“, die im Inneren herrlich kühl ist. Wir markieren eine Stelle, die uns besonders gefällt, um die Koordinaten mit befreundeten Overlandern zu teilen, die solche Plätzchen ebenso zu schätzen wissen wie wir. 

Tief zufrieden mit diesem schönen Morgendrive, schnurren wir mit Luna wieder aus dem Tal hinauf auf die Hochebene und sind, vorbei an ein paar weiteren Ausgucken auf diese grandiose Mondlandschaft, nach einer guten Stunde am Meer in Swakopmund, der historischen und quirlig, sympathischen Küstenstadt. 

Tipps für die Region rund um die Blutkuppe (Stand Dezember 2025):

Der Rock Sculptures Trail bietet eine abwechslungsreiche Wanderung und dauert etwa 3 Stunden, wenn man den Sentry Hill besteigt. Wenn man auf den Gipfelsieg verzichtet, spart man eine gute halbe Stunde, der Aufstieg lohnt jedoch aus unserer Sicht wegen der grandiosen Aussicht auf beide Seiten.

Archer’s Rock eignet  sich für eine kurze Abend-Exkursion.

Den Swakop-Canyon unbedingt erkunden und auch drinnen campen. Imposante Felswände und vollkommene Ruhe faszinieren. Die „Flinstone-Cave“ ist sicherlich einer der besten Camping Spots, zahlreiche weitere sind auch in iOverlander markiert. Fahrerisch ist der Canyon keine große Herausforderung und für jeden Geländewagen geeignet.

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