Der weiße Elefant


„Ich mag nicht mehr“ tönt es frustriert neben mir. Das Wellblech zieht Martin den letzten Nerv, mir übrigens auch. Wir sind nun schon rund 80 km auf den Rumpelpisten D2306 und D1935 westlich der Erongo-Berge mit Blick auf die  Spitzkoppe unterwegs, die Pisten sind in einem schrecklichen Zustand. Einen Grader hat diese Strecke schon lange nicht mehr gesehen, offenbar hat die namibische Regierung diese Gegend aufgegeben und die lokalen Farmen nicht genug Geld, um sich selbst um die Pisten zu kümmern. Wir kommen langsamer als gewollt voran, teilweise nur im Schritttempo. 

Endlich ist die Einfahrt zur Ameib-Ranch erreicht und wir verlassen diese unsäglich schlechte Piste. Nur noch 15 km und wir können entspannen. Eine versöhnliche Überraschung bringen eine Gruppe Giraffen und eine Herde Springböcke bei der Zufahrt zum Gästehaus der Ranch. Wir checken ein, bekommen eine Karte zur Orientierung für die fahrbaren Tracks und die Wandertrails, zusammen mit Empfehlungen für die besten Uhrzeiten für die Exkursionen (ganz früh bzw. kurz vor Sonnenuntergang!) und jeweils viel Wasser mitnehmen. Unser Stellplatz hat eine schattige Palapa und einen Sonnenschirm, beides brauchen wir auch dringend, denn es ist mittlerweile brütend heiß geworden. „Heute fahre ich keinen Meter mehr“ meint Martin, als er den Motor abstellt und müde vom Fahrersitz auf den sandigen Boden rutscht. Wir schütteln und strecken beide zunächst mal unsere verspannten Gliedmaßen. Zu meiner Freude verfügt der Campingplatz über einen netten Pool, den wir beide recht bald aufsuchen. Er ist ziemlich warm, doch das Strampeln im Wasser trägt wunderbar zur Auflockerung der Muskeln bei.

Leider hat auch Luna sehr unter der heutigen Etappe gelitten, die Aufhängung des rechten Auspuffs ist gebrochen. Das erklärt auch das „neue“ Geräusch während der Fahrt, das neben dem sonstigen Klappern, Rumpeln, Quietschen und Knarren aufgetaucht ist. Martin untersucht unter dem Auto liegend, was genau kaputt gegangen ist, macht ein paar Fotos vom gebrochenen Teil und schickt es unseren Autobauer. Der ist glücklicherweise wieder voll genesen von seiner Weihnachtsgrippe und sendet uns rasch per WhatsApp Tonaufnahme seine Analyseergebnisse und Empfehlungen, was wir machen können. Es scheint auf den Wellblechpisten leider häufiger der Fall zu sein, dass diese Teile (aus dickem Metall!) zu Bruch gehen, aber es ist nichts Schlimmes. Wir sind erleichtert. Er bietet jedenfalls an, im Februar bei seinem Aufenthalt in Namibia den entsprechenden Ersatzteil mitzunehmen. Eine behelfsmäßige Fixierung mit Drähten, die Martin im Workshop der Ranch rasch auftreiben kann, bekommen wir selbst recht gut hin. Auf das Abmontieren des Auspufftopfs verzichten wir (ich fürchte, wir hätten weder das richtige Werkzeug noch die Kraft, die Schrauben zu lösen). Der Auspufftopf ist jetzt fest mit dem Leiterrahmen verbunden, diese Buschlösung hat dann schließlich gereicht, um ohne weiteren Schaden am Auspuff auf unsere Basis nahe Windhoek zu kommen.

Zum Test der Buschlösung lässt sich Martin dann doch noch zu einem kurzen Sundowner-Drive überreden. Vorsichtig und immer auf eventuell beunruhigende Geräusche achtend, pilotiert er Luna zu der Stelle, die auf der Karte als „Bulls Party“ benannt ist. Unsere Stimmung hellt sich schlagartig auf, als wir die wundervollen Granitkugeln erblicken, die hier auf ebenso runden Granitrücken balancieren. Es wundert uns jedes Mal, wie solche tonnenschweren Kolosse genau an diese Stellen gelandet und liegen geblieben sind. Wir klettern hinauf zu den Giganten und wandern staunend von einem zum anderen. Genau das ist es, was wir an den Erongo-Mountains so lieben. 

Der nächste Stopp ist der „Elephant‘s Head“, deutlich erkennbar schaut der felsige Elefantenkopf samt langem Rüssel aus dem Bergmassiv auf uns herab. Wir stecken rasch unsere Bierdosen in die Stubbies und gehen ein Stück auf den Granitrücken am Fuß des Elephant‘s Head hinauf. Am Rand einer vom Wasser geformte runden Aussparung lassen wir uns nieder. Gerade rechtzeitig, um die Sonne bei ihrem Abschied hinter den riesigen Felsmurmeln zu bewundern. Um diese zaubert sie einen goldenen Schein, bevor sie endgültig dem schon in gegenüberliegender Himmelrichtung hervorkommenden Vollmond das Feld überlässt. Spätestens jetzt sind wir wieder mit dem Tag versöhnt. 

Am Morgen begeben wir uns auf die Suche nach dem Weißen Elefanten. Er soll sich in der Philips Cave aufhalten, die vom Camp aus auf einem markierten Pfad in gut 1 1/2 Stunden zu erreichen ist. Die Wanderstecken bohren sich in den hellen Sand und klimpern schon bald auf dem Gestein dahin. Die Morgenluft ist angenehm kühl, die Sonne kitzelt erst sehr sanft unsere Nasen. Der gewundene Weg wird immer wieder mal gesäumt von gelben, violetten und lila Blüten. Am besten gefallen mir die kleinen weißen Lilien, die in Büscheln aus Ritzen im roten Granit sprießen, über den wir aufwärts wandern. Auf einer ersten Anhöhe erspähen wir in der Weite die Spitzkoppe. 

Grashüpfer und große schwarz-weiß gestreifte Hummeln surren um uns herum. Letztere scheinen besonders großen Gefallen an den violetten Blüten eines Strauchs zu finden, die sie zum Nektarsammeln gezielt ansteuern. 

Wir folgen den weißen Punkten und Pfeilen und überwinden mehrere kleine Kuppen, noch ein Flusstal und dann ordentlich bergauf über weitere Granitbolder, dann liegt der Höhleneingang endlich vor uns. Philips Cave ist fast symmetrisch ellipsenförmig. Wir staunen über die gut erhaltenen Felsmalereien, gut erkennbar auch der Weiße Elefant, weiter rechts noch eine weiße und eine rote Giraffe und eine Antilope, linkerhand zahlreiche Gruppen von laufenden Jägern. Dies erkennt man am gespannten Bogen in ihrer Hand. Martin vermeint auch, einen Brachiosaurus (großer pflanzenfressender Dinosaurier) zu erkennen und beginnt, sein Erdgeschichte-Wissen in Zweifel zu ziehen. Ich halte die Darstellung eher für eine mit viel künstlerischer Freiheit gemalte Eidechse. Das Foto stellen wir in die Bildgalerie, damit sich jeder Leser eine eigene Meinung bilden kann. 

Von der Innenseite hinaus bietet die Höhle einen netten Blick auf die gegenüberliegende Bergkette und wir erholen uns hier im angenehmen Schatten für eine halbe Stunde.

Beim Abstieg sind die Wanderstecken wieder äußerst hilfreich, um meine Knie zu schonen. Der Marsch retour ist schon deutlich heißer und unsere Wasserflaschen leeren sich zunehmend. Martin wird außerdem richtig hungrig. Er lässt vermehrt das Wort „Lunch“ fallen, wenn eine kleine gestreifte oder gepunktete Eidechse vor ihm über und aus dem Weg huscht, unter einen schützenden Stein oder in dichtes Gras. Ich denke sofort an Wüstenkenner Boesman mit seinen Buschfutter-Tipps und muss laut lachen, denn tatsächlich sehen wir beide auf einmal überall die flinken Amphibien, jedenfalls mehr als gewöhnlich. Frage an Martin: „Wie wollen wir sie denn zubereiten – roh oder gegrillt?“ Zurück bei Luna bastle ich uns dann einen ordentlichen Protein-Brunch, verwende dafür aber dann doch lieber vier Hühnereier. 

Am Nachmittag ist nur Ausspannen am Pool angesagt. Dann mach ich, da wir uns dem Ende unsere Reise nähern, noch ein bisschen Inventur der Vorräte, damit wir für die nächste Reise wissen, was wir noch in Luna gebunkert haben. Die restlichen frischen Lebensmittel verkoche ich am Abend dann fast zur Gänze. 

Danach zelebrieren wir unser letztes Lagerfeuer auf dieser Tour. Unser freundlicher Campnachbar gesellt sich dazu und wir plaudern bei einem guten Glas Sauvignon Blanc (der muss auch noch weg) über unsere Erlebnisse, Rumpelpisten und die schönsten Plätzchen in Namibia. Das Erongo-Gebiet gehört mit seinen unvergleichlichen Granitboldern und Formationen für uns mit Sicherheit dazu. 

Was wäre ein Aufenthalt in Afrika ohne Tiere? Für uns gehört ein ordentlicher Gamedrive dazu. Daher ist unsere nächste Station die Okapuka Lodge, die auf rund 10.000 Quadratkilometern zahlreiche Wildtiere beheimatet. Wir buchen den Abenddrive und zu unserem Glück stellt sich heraus, dass aus der Gruppentour mit 11 Personen unerwartet eine private Fahrt nur für uns wird, weil es die anderen Gäste noch nicht rechtzeitig aus Windhoek geschafft haben. Unser Guide J.P. manövriert den Landcuiser über das verzweigte Wegenetz durch aktuell saftig grüne Ebenen, Wäldchen und entlang von Rivieren. Nicht lang und wir sehen neben Springböcken, Impalas, Zebras, Oryx und Blessböcken auch die sonst sehr seltenen Rappenantilopen (auch „Sable“ genannt). Auch diesmal lernen wir wieder etwas Neues über Antilopen, unter anderem, dass Impalas an den Fersen eine Drüse haben, deren Sekret sie abgegeben, wenn sie vor einem Feind davonlaufen. Angeblich mögen olfaktorisch sensible Raubtiere diesen Geruch ganz und gar nicht.

Am künstlich angelegten Damm sonnt sich ein riesiges Krokodil. Es erscheint wie eine Replik aus Kunststoff, so reglos und unberührt von unserer Ankunft liegt die Echse da. Doch ein Blick durchs Fernglas bestätigt, dass der Kerl echt ist. Er öffnet und schließt bei jeder Bewegung von uns und jedem ungewöhnlichen Geräusch seine stechend gelben Augen. J.P. räumt ein, dass diese Spezies in dieser Gegend Namibias normalerweise nicht heimisch ist, sondern angesiedelt wurde. Die noch urtümlicheren Stars des Okapuka-Reserves sind allerdings ganz eindeutig die Nashörner. Wir haben Glück und können zunächst drei und dann wenig später noch zwei weitere ganz nah beobachten. Es handelt sich um Breitmaulnashörner die fröhlich das saftige Gras schmausen. Eine eigene Patrouille checkt rund um die Uhr ihren Standort und ihr Wohlergehen. Ein schönes Erlebnis, diesen muskulösen Giganten mit den spitzen Hörnern betrachten zu dürfen. Es ist so traurig, dass es immer noch Wilderer gibt, die diese wunderbaren Tiere wegen einer vermeintlich potenzsteigernden Wirkung des Horns abschlachten. 

Jetzt will JP noch unbedingt die Giraffen für uns finden, er kurvt in ein anderes Habitat. Aber heute verstecken sich die Langhälse unglaublich gut. Wir beruhigen ihn, dass wir am Morgen beim Verlassen von Ameib schon 10 Giraffen gesehen hätten. Erleichtert über unseren unkomplizierten Zugang steuert er nun einen netten Rastplatz für ein Mini-Picknick an. Wir nehmen einen GT mit Pink Tonic zu den köstlichen Biltong-Happen und Wraps. Kurz vor Sonnenuntergang setzt er uns dann wieder bei der Lodge ab. Es hat riesigen Spaß gemacht, am Ende einer wundervollen Reise noch einen so ergiebigen und entspannten Gamedrive zu unternehmen und nach fast drei Wochen Wüste durch diese grüne Oase zu fahren.

Die Rückfahrt auf unsere Basis nahe Windhoek gestaltet sich unkompliziert. Wir machen noch ein paar Erledigungen in Windhoek, kaufen haltbare Sachen für die nächste Botswana / Zimbabwe / Zambia-Tour ein, füllen die Gasflaschen auf. Luna bekommt 100 Liter Benzin und eine ordentliche Außenwäsche. 

Auch die Lodge, auf der Luna steht, präsentiert sich so grün wie noch nie. Hohes Gras, viele Blüten, Wasserstellen überall erfreuen Zebras, Springböcke und Giraffen. Wir putzen Luna innen gründlich, räumen unsere frisch gewaschene Kleidung wieder ein und genießen dann noch dieses herrliche Ambiente, bevor es  für 3 ½ Monate zurück zum Schifahren in die Alpen geht.

Tipps zur süd-westliche Erongo-Region (Stand Jänner 2025):

Der Campsite auf der Ameib-Ranch ist groß und bietet jedem genügend Privatsphäre. Nur einer der Stellplätze hat Strom, einige schattige Palapas und Strohschirme. Swimmingpool am Campsite, auch Cabins werden geboten. Aus unserer Sicht kann man hier auch zwei Nächte bleiben, um mehrere Wanderungen zu machen. Nur Barzahlung.

Die D2306 und D1935 in der Anfahrt unbedingt vermeiden. Härteres Wellblech haben wir in ganz Namibia nicht erlebt!

Uis ist nicht nur eine Minenstadt, sondern kann auch für einen Stoppover genutzt werden. Es gibt nicht nur eine gut sortierte Tankstelle, sondern auch mehrere Campsites, besonders nett (mit Pool und Restaurant) ist der Cactus & Coffee Teagarden.


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