Da wollen wir einmal an den Strand, und siehe da, die meisten Liegeplätze sind doch glatt schon besetzt. Wohin das Auge reicht, vor uns liegt ein Teppich von Zwergpelzrobben in allen Größen. Wir sind in Cape Cross an der Skelettküste angekommen, wo die wohl größte Kolonie im südlichen Afrika mit je nach Saison 80.000-100.000 Tieren beheimatet ist. Aktuell sind es sogar mehr wegen der vielen Neugeborenen. Penetranter Gestank von Exkrementen und Kadavern kleiner Robben, oft schon halb im Sand verrottet, vermischt mit der salzigen Luft schwappt uns beim Aussteigen am Parkplatz entgegen. Diese würzige Mischung ist definitiv nichts für empfindliche Nasen oder zarte Mägen. Nach ein paar Minuten auf den Stegen, die Besucher des Reservats mitten durch die Robbenkolonie führen, haben wir uns allerdings ein wenig daran gewöhnt, die Begeisterung über die dargebotene Szenerie übertrumpft dann doch die olfaktorischen Grenzerfahrungen. Auf einmal ist man mittendrin, zwischen und sogar über den stromlinienförmigen und in alle Richtungen verbogenen Leibern der pelzigen Tiere.
Tausende kleine Robben watscheln zwischen den größeren Tieren herum, laut rufend und voller Ungeduld auf die Rückkehr ihrer Mutter von der Fischjagd wartend, um wieder die extrem fetthaltige Milch zu trinken. In dem allgegenwärtigen Chaos auf dem überfüllten Strand finden sich Mütter und ihre Babys über ihre unverwechselbaren Rufe wieder (für uns natürliche nicht zu unterscheiden). „Bäääähh, buähhäää“ tönt es von allen Seiten, mal tiefer, dann wieder heller, lauter und verhaltener, oft ärgerlich empört über Störungen oder das unerwünschte Eindringen ins Territorium. Letzteres wird mit heftiger Attacke der recht aggressiven Tiere unter Ganzkörpereinsatz abgewehrt, durchaus auch mit Bissen. Die Robben sind Raubtiere und haben daher auch ganz schön große Beißer. So manches Baby kommt bei den Auseinandersetzungen der Erwachsenen zu Schaden oder wird gar erdrückt.
Draußen in den brechenden Wellen springen vornehmlich fischende Erwachsene herum, doch einige der Kleinen laufen bereits aufgeregt spritzend durch die Ausläufer der Wellen oder plantschen in kleinen Gezeitentümpeln zwischen den Felsen. Noch können sie nicht wirklich gut schwimmen, aber die Lust aufs Wasser ist ihnen schon anzusehen. Ins tiefe Wasser dürfen sie erst, wenn sie in der Lage sind, selbst Fische zu fangen und den Hai-Gürtel zwischen Küste und Fischgründen unbeschadet zu durchschwimmen.
Die Fahrt über Swakopmund, vorbei an Ansiedlungen mit klingenden Namen wie Jakkalsputz oder Wlotzkasbaken nach Henties Bay ist fast durchgehend geradlinig und nicht sehr abwechslungsreich. Hin und wieder sehen wir Abzweigungen zu den zahlreichen Angelplätzen mit recht simplen Bezeichnungen. Hier verabredet man sich für diesen beliebten Zeitvertreib einfach an der Mile 8, 14, 28, 30 usw. oder in der Nähe eines der Schiffswracks, für die die Skelettküste berühmt und berüchtigt ist. Auch wir schauen mal bei einem dieser Abzweige hinaus an so einen Strandabschnitt, dort liegen die Überreste der „Zeila“. Sie war mal ein 400 Tonnen schwerer Fischtrawler, der eigentlich schon ausgemustert war und im Jahr 2008 von Walvis Bay zur Verschrottung nach Indien geschleppt werden sollte. Dann riss dummerweise das Abschleppseil und starke Winde und die Strömung trieben das Schiff nach Norden, wo es dann 50 km nördlich von Swakopmund in Strandnähe auf Grund lief. Die zwei noch auf dem Schiff verbliebene Matrosen wurden rasch gerettet, die „Zeila“ wurde aber nicht geborgen. Jetzt dient sie – dem schleichenden Zerfall ausgesetzt – den Möven und Kormoranen als Nistplatz und Ausgangsplattform zum Fischfang. Die menschliche Konkurrenz der Seevögel hat sich den ganzen Strand entlang mit ihren Biwaks aufgereiht. Die Angler versuchen mit jeweils mindestens fünf, so manch einer sogar mit 10 verschieden starken Ruten gleichzeitig ihr Glück. Natürlich wohlvorbereitet mit den (vermutlich nach Geheimrezeptur) selbst gefertigten Ködern. Die Kabeljausaison geht bald dem Ende zu, daher nützen viele Südafrikaner noch die Schulferien, um hier ordentlich Fisch zu bunkern. In den Kühltruhen auf den speziell für den Küstenfischfang ausgerüsteten Pickups tauschen die Köderboxen den Platz mit dem Fang des Tages.
Wir finden einen guten Standplatz bei der Cape Cross Lodge, unsere Nachbarn sind fast ausschließlich Angler. Der Campingplatz gleicht einem kleinen Dorf auf Zeit, in dem sich ein paar Familien für länger eingerichtet haben. Aus so einem kleinen Trailer quillt in kurzer Zeit die Behausung für eine Großfamilie mit mehreren Schlafkojen, großem Vorzelt und Schattendach. Zusammen mit dem schon fix auf den Stellplätzen installierten Küchenblock samt Kamin für das Braai ist die gemütliche Fischer-Behausung perfekt. Wer was auf sich hält, verlegt auch noch einen leuchtend grünen Grasteppich und dekoriert den als Sicht-(oder Wind-)schutz aufgerichteten Zugang mit Leuchtkörpern, die am Abend ein Silvester-Feuerwerk imitieren. Vor dem „Haus“ steht der Fischer-Pickup mit Halterungen für bis zu 10 Angeln, entweder liegend am Dach oder aufgerichtet am Bull Bar zwischen den Scheinwerfern – der Toyota schaut dann aus wie ein riesiges Monsterinsekt mit gigantischen Fühlern. Wir sind amüsiert über das besondere Flair dieses Camps. Unser Platz bleibt dagegen denkbar simpel, nur unsere Sessel, der Tisch und natürlich Luna. Dafür sind wir auch sicher schneller beim Abbau.
So ist es dann auch, wir verlassen Cape Cross und machen uns auf zum Messum-Krater. Am Weg dorthin durchfahren wir eine wilde dunkle Ebene, die bekannt für sogenannte „Lichen Fields“ ist. Im Reiseführer habe ich gelesen, dass es sich dabei um Flechten handelt, die in trockenem Zustand schwarz sind. Man könnte sie im Vorbeifahren für einfache Steine halten. Wir machen den Test mit ein paar Wassertropfen. Wir können sehen, wie sich die Flechten bewegen und innerhalb von Sekunden nach dem Kontakt mit Wasser ihre Farbe von schwarz in mint-grün wechseln. Wenn hier wirklich mal Regen kommt, muss der Farbwechsel auf den riesigen Ebenen imposant sein!
Rund 40 Kilometer sind es bis hinauf zum Kraterrand. Martin sucht die beste Spur im Wegegewirr. Wir kommen bei der Auffahrt an vielen, sehr schönen Welwitschien vorbei, je karger die Bedingungen für die Flora, desto mehr scheinen es diese uralten Pflanzen zu lieben.
Das Panorama am Viewpoint ist genial, und zwar in beide Richtungen. Es ist unmöglich, alles auf ein Foto zu bannen, zu groß und weitläufig breitet sich diese unwirtliche und zugleich anmutige Landschaft vor uns aus. Der Messum-Krater entstand vor rund 130 Millionen Jahren durch vulkanische Aktivität während der Kontinentaldrift des Gondwana-Superkontinents (nicht durch einen Meteoriteneinschlag). Ein gewaltiger vulkanischer Ausbruch sprengte die Spitze eines Schildvulkans, bildete eine Caldera, die heute als kreisförmige Struktur mit 22 km Durchmesser sichtbar und von ehemaligen Vulkankanälen umgeben ist. Der Krater ist weniger schroff, als ich ihn erwartet hätte, die Erosion (hier überwiegend Wind gepaart mit Sand) hat ihn zu wunderbar sanften Konturen in unterschiedlichen Erdtönen abgeschliffen. Wieder einmal sind wir hier beinahe allein, nur ein einziges anderes Auto kam uns entgegen und zwei eidgenössische Enduro-Fahrer überholen uns beim Viewpoint. Die sind schneller und es ist schön, ihnen von ganz oben nachzuschauen, wie sie unten am Kraterboden sukzessive entschwinden. Die Mittagssonne lässt ihre Staubwolken hell schimmern.
Wir fahren nun ebenfalls hinab und durch den Krater hindurch zu einer fast mittig aufragenden Erhebung, die uns, obwohl es nun um die Mittagszeit schon brütend heiß ist, zu einem kurzen Hike animiert.
Das macht durstig und hungrig, und so steuern wir als nächstes den (im GPS als Wegpunkt markierten) einzigen Baum für ein Picknick an. Dabei beratschlagen wir über die Route aus dem Krater hinaus. Es stehen im Wesentlichen zwei Ausfahrten zur Wahl, wir nehmen die rechte, die sich als schönes Flusstal entpuppt mit sanften Hügeln, die mehr und mehr auch wieder Gräser und Blumen tragen. Dann taucht endlich das gewaltige dunkle Brandbergmassiv auf. Gegenüber quartieren wir uns im liebevoll um einen großen Granitfelsen angelegten „Elephant Rock Campsite“ ein. Wir werden herzlich begrüßt von fünf (!) Hunden, die sofort alle gleichzeig an mir hochspringen. Uff, nur gut, dass vier davon fast noch Welpen sind! Ihre Mutter ist uns sehr freundlich gesinnt und passt ab jetzt pausenlos auf uns auf. Auch in der Nacht sitzt sie dann brav bei Lunas Vorderreifen, zweimal verscheucht sie unter lautem Knurren und Gebell einen Eindringling, vielleicht ein Schakal, oder doch eher eine Hyäne? In der Früh bekommt sie dann ausgiebig Streicheleinheiten von uns. Sie stretcht auf klassische Hundeart ihre Beine und den Rücken und lässt sich dann erschöpft von der arbeitsreichen Nacht direkt neben meiner Yogamatte in den Sand fallen, während ich noch ein paar Übungen mache. Mitturnen war dann doch nicht so ihr Ding.
Der Platz ist richtig schön, und ich meine beim Frühstück unter unserer schattenspendenden Palapa zu Martin: „Das ist ein Wohlfühlort, da könnte ich länger bleiben.“ Gegenüber gäbe es auch genug Wandermöglichkeiten und interessante Canyons zu entdecken. Vielleicht ein Grund mal wiederzukommen?
Für uns heißt es aber Abschied nehmen, wir düsen entlang des Brandbergs nach Nordosten zum kleinen Städtchen Uis. An die hiesige Tankstelle haben wir gute Erinnerungen, denn hier haben wir im Frühling 2025 am Weg ins Damaraland jene netten Südafrikaner kennengelernt, die uns später im Camp am Kunene den Tipp mit der Blumensaison im südafrikanischen Damaqualand gegeben haben, die uns tatsächlich auf der letzten Reise in ihren Bann gezogen hat.
Tipps zu Cape Cross und Messum-Krater (Stand Jänner 2026):
Der Besuch der Robbenkolonie in Cape Cross schafft man locker am späteren Nachmittag. Eine Übernachtung genügt, Eintritt nur in bar zu bezahlen.
Der Campsite bei der Cape Cross Lodge ist gut ausgestattet und liegt windgeschützt hinter dem Hauptgebäude. Den „Duft“ von der rund 5km entfernten Robbenkolonie riecht man hier nur mehr schwach. Im Lodge-Restaurant gibt es WIFI.
Kurz hinter dem Reservateingang befinden sich auch noch ein paar Campingplätze am Meer. Da könnte es aber trotz der hölzernen Windfänge eher stürmisch werden. Wie die Einrichtungen dort sind, können wir nicht berichten.
Der Messum-Krater ist eine sehr wenig befahrene, aber lohnende Route. Die letzten Kilometer hinauf zum Kraterrand sind etwas steiler und steiniger. Einfach hin und wieder zwischen den vielen Spuren wechseln. Im Krater selbst findet man einige malerische Wildcampingsites in vollkommener Abgeschiedenheit. Die meisten sind schon auf iOverlander eingetragen. Fahrerisch kein Problem.
Das „Elephant Rock Camp“ am südlichen Rand des Brandberg ist sehr zu empfehlen. Ein sehr malerischer Site, mit Schattendach, heißen Duschen und WC. Sehr aufgeräumt, gepflegt und geschützt von den Hunden.





























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