Die Wüste lebt!

„Happy Birthday“ schalt es fröhlich laut aus dem dunklen Innenraum des Camp Shops als ich eintrete. Kurz darauf stürmt der bloßfüßige Boesman mit weit ausgebreiteten Armen auf mich zu. Es folgt eine herzliche Umarmung. 

Erst gestern hatten wir den freundlichen Mann kennengelernt, der allseits unter seinem Spitznamen Boesman (Bushman) als Wüstenliebhaber und -kenner bekannt ist. Als Sohn weißer Farmer ist er mitten in der Namib aufgewachsen und kennt sie daher wie seine Westentasche. Gemeinsam mit seiner japanischen Frau Yuri hat er das „Bushman’s Desert Camp“ auf einer ehemaligen Karakulschaf-Farm aufgebaut und lebt hier seinen Traum. Für ihn gibt es keinen schöneren Ort auf der Welt zum Leben als die Wüste. Wir glauben es ihm aufs Wort. Nach nur einer halben Stunde an Bord des für Wüstentouren umgebauten Pritschenwagens hat er uns mehr über das Ökosystem Wüste beigebracht, als wir je in sämtlichen TV Dokus oder im Zuge unserer Reisen in Sahara, Atacama & Co zuvor gehört hatten. Es ist faszinierend, ihm zuzuhören.

So erfahren wir beispielsweise, dass die Wüste alles konserviert. Eine Orangenschale sieht noch nach 80 Jahren wie eine Orangenschale aus, die achtlos weggeworfene Bananenschale schafft auch immerhin rund 50 Jahre. Abgestorbene Bäume, wie jene, die wir vor kurzem im Dead Vlei bewundert haben, überdauern schon seit 800 Jahre. 

Bei dieser Gelegenheit testet er gleich mal, ob wir den Unterschied zwischen einer Oase und einem Vlei kennen. Es ist ganz einfach, die Oase hat eine permanente Wasserquelle und das Vlei wird nur hin und wieder mit Wasser überschwemmt. 

Wir lernen, dass Oryx eigentlich gut durchkommen, ohne jemals zu trinken. Freilich tun sie es, wenn sie die Gelegenheit dazu haben. Aber sie würden auch nur mit dem Wasser überleben, das sie über das (frische) Gras – aufnehmen. Boesman hält den Wagen bei ein paar Oryxknochen an, nimmt einen Teil der Wirbelsäule in die Hand. Der Oryx sei vor rund 4 Jahren gestorben! „This is still good food, the Hyenas come back from time to time for the calcium in the bones“. Dann beginnt er, kleine Fasern von dem Knochenstück abzuschälen und isst sie. „It is still good dry meat“. Nach einer kurzen Kaupause: „but unfortunatly it´s not enough for all of us“. Wir lernen Regel Nummer 1: Wenn man in der Wüste überleben will, dann funktioniert das nur in kleinen Gruppen (sonst reicht der Happen vom Knochen nicht!). 

Er hat noch mehr Tipps für Busch-Futter parat, das man überall hier draußen findet. Aus einem Stück getrocknetem Schakal-Kot holt er Samen, knackt ihre Schale mit den Zähnen auf und präsentiert uns den Kern. Dieser bestünde aus 50% Fett und sei daher besonders nahrhaft. Auch für diese Köstlichkeit gilt Regel Nummer 1.

Die Überlebensmeister unter den Pflanzen sind die Kameldornakazien, deren Wurzeln reichen bis zu 80 Meter in die Tiefe, wo sie am Rand oder in den Trockenflüssen Grundwasser finden.

Regel Nummer 2 ist recht intuitiv: nicht (barfuß) über schwarzen Sand gehen! Der wird richtig heiß! An der Oberfläche erreicht selbst der rote Sand unter Tags eine Temperatur von ca. 80 Grad Celsius. Wie kann es also sein, dass es in der Wüste so viele Käfer gibt und die dann auch noch bevorzugt in schwarz? Zumindest einen Teil der Frage kann uns Boesman erklären. Die Insekten leben unter Tags einfach im Untergrund, dort hat es in 30cm Tiefe nur mehr angenehme 25 Grad. Und weil die Sandkörner so locker aufgeschichtet sind, bekommen die Tiere dort unten trotzdem genug Luft zum Atmen. Und damit das auch so bleibt, braucht es richtig starke Sandstürme. Diese fegen von den Bergen kommend nämlich alle Pflanzen weg, die sich anschicken, Wurzeln zu schlagen.  Wurzeln verdichten den Boden, und der Sandsturm verhindert das. „In a good sandstorm you cannot see a person standing just a meter away from you“. Die Sandstürme, die im Sommer von der Küste hereinblasen, halten nicht nur die Wüste „sauber“, sondern bringen auch Nährstoffe für die Insekten. Wasser sammeln die Käfer über ihren Panzer aus dem Nebel, der häufig von der Küste hereinzieht. Boesman erklärt weiters mit Inbrunst: „The dry desert is perfect, it is full of life, we don´t want rain“. Regen würde den roten Sand nämlich ebenfalls verdichten, wodurch die Käfer keine Luft mehr zum Atmen bekämen. 

Er veranschaulicht uns dann aber dennoch anhand einiger vollkommen vertrockneter Samenkapsel, wie sich manche Pflanzen an die seltenen Regenfälle angepasst haben. Sie bewahren die Samen über viele Jahre. Auch wenn die Mutterpflanze schon lange abgestorben ist, öffnen sich diese Kapseln beim ersten Kontakt mit Wasser. Wenn kein weiterer Regentropfen kommt, schließen sie den Samen wieder in die Kapsel ein. Kommen genügend weitere Tropfen, schleudert die Kapsel das Samenkorn mit einer Art Trampolin-Effekt heraus.  Wir sind verblüfft, als sich das dürren Demoexemplar in seiner Hand (es ist bereits seit über 10 Jahre trocken) durch das Beträufeln mit nur wenigen Tropfen Wasser öffnet und nach kurzer trockener Zeit wieder schließt.

Zu Insekten hat der Wüstenkenner noch eine weitere wichtige Buschregel für uns: Nicht unter einem Baum in der Wüste rasten! Das überrascht uns, da wir Europäer doch eher die seltenen Schattenspender suchen würden. Buschleute hingegen wissen, dass dort Zecken auf die Rückkehr eines Säugetiers warten, und sich auf sie herabfallen lassen, um ihr Blut zu trinken. Die lästigen Biester halten unglaubliche zwei Jahre ohne Nahrung (Blut) durch, bis sich wieder ein Wirt unter dem schattenspendenden Baum einfindet.

Am Gelände des Bushman Camps sind die Dünen überwiegend leuchtend rot. Die Wüste wächst mit dem Wind, der die Sandkörner von der Küste herein verfrachtet, dort sind sie noch hell. Wegen des hohen Eisengehalts beginnt er im Sauerstoff der Luft aber zunehmend zu rosten und färbt sich immer mehr. Die Rillen auf den Dünen zeigen einem auch den Weg, sodass man in der Wüste eigentlich keinen Kompass braucht. Man müsse sich nur merken, dass der Wind im Sommer von der Küster Richtung Berge bläst, und im Winter kommt er vom Escarpment herunter Richtung Meer. Wenn man verloren geht, besser in Richtung Berge gehen, denn in der anderen Richtung kommen die mächtigen, über 300m hohen Sterndünen des Sossusvlei. Selbst wenn man es da drüber schafft, gibt’s am Ende der Wüste nur das Salzwasser des Atlantik – kein motivierendes Ziel für den durstigen Langstrecken-Wanderer…. 

Am Rückweg von der roten Düne durch ein Riviere hält Boesman plötzlich an, springt vom Fahrersitz hinab und fängt mit bloßen Händen in null komma nix eine kleine Eidechse. Am Kopf hält er die vor Schreck reglos verharrende Echse fest und hält sie uns zum Anfassen entgegen. Sie ist ganz weich. Auch das sei wertvolles Essen und Wasserquelle in der Wüste. Man solle ihn auf keinen Fall kochen, das mache das Fleisch zäh. Roh sei das Tierchen besser. Er hält seine Beute theatralisch über seinen geöffneten Mund. Von den Bänken des Wüstentransportes ertönt allseits heftigster Protest! Boesman grinst breit, hat Erbarmen mit dem kleinen Demo-Echserl und setzt es sanft unter einem Busch ab. Ein kleiner Tipp kommt noch: Nie versuchen, der Echse nachzulaufen. Sie ist immer schneller. Besser geht es, wenn man seinen Hut oder Kappe in die Luft wirft, dann gräbt sich die Eidechse aus Furcht vor einem Raubvogel ein und ist leichter zu erbeuten. Passt, sparen wir uns in Zukunft die sinnlosere Rennerei!

Fast am Ende der Tour hören wir noch einiges über die echten Buschleute, wie sie ausgesehen, gejagt und sich ernährt haben, aber auch wie sie über die Zeit der Kolonialisierung von der weißen und auch schwarzen Bevölkerung, die über Schusswaffen verfügte, praktisch ausgerottet oder aus ihren angestammten Lebensräumen vertrieben wurden. Besonders faszinierend finden wir, dass die nomadisch lebenden Buschleute die Fähigkeit hatten, bis zu 10kg Fleisch auf einmal zu verspeisen, um Reserven anzulegen bis zum nächsten Jagderfolg. Boesman belegt das mit alten, vergilbten Fotos dickbäuchiger aber ansonsten schlanker, kleiner Menschen. 
Im heutigen Namibia gibt es nur mehr ca. 30.000 San, deren Lebensweise sich aber bereits stark verändert hat. 

Am Morgen meines Geburtstages erhalten wir von Boesman eine Karte und eine paar wertvolle mündliche Tipps zu den lohnenden Stopps auf der Selbstfahrer-4×4-Tour durch „seine“ Wüste. Luna rollt gemütlich über die gut angelegten Pfade, die Route ist gut ausgeschildert. So gelangen wir über die „Milchstraße“ zum Damm, machen eine kurze Wanderung im Flussbett und fahren dann über einen malerischen Canyon hinaus zu einer erhöht am Felshang gelegenen Höhle, in der schon vier Campingsessel auf uns warten. Der schattige Ort ist magisch, der Ausblick über das weite Land unter uns grandios. Ideal für das Mittagspicknick und ein Nickerchen. Boesman meinte noch: „That’s where you’re gonna spend your day“. Wir bleiben tatsächlich volle zwei Stunden und können uns von dem Anblick nur schwer trennen. Doch es gibt noch weitere Aussichtspunkte auf der Route, die wir erkunden möchten. Der nächste führt uns weit auf die Flanke einer roten, leicht mit strohigen Grashalmen bewachsenen Düne hinauf, die letzten 50 Meter zum Gipfel müssen wir zu Fuß bewältigen. Der Sand ist mittlerweile brennheiß geworden, sodass uns der Wind hoch oben am Kamm durchaus genehm ist. Ein weiteres Mal nehme ich Platz auf dem Kamm einer Düne für ein Geburtstagsfoto – ein Bein links, das andere rechts. Aber die Hitze dringt sehr schnell durch den dünnen Stoff meiner Shorts, sodass ich rasch wieder auf den Beinen bin. Wir machen uns an den kurzen Abstieg und schaukeln retour zum Ausgangspunkt unserer Tour. 

Wir geben die Karte im Shop des Camps zurück, und da wartet schon die nächste Überraschung auf mich. Yuri und ihre zwei Kinder überreichen mir „Happy Birthday“ singend einen frisch gebackenen Geburtstagsmuffin mit brennender Kerze. Ich bin total gerührt über diese herzliche Geste. 

Etwas später, ich komme grade von der herrlichen Dusche, besucht uns Boesman (natürlich wieder bloßfüßig). Er möchte mir noch etwas schenken, ein Erlebnis. Da trifft er bei uns voll ins Schwarze, sowas liebe wir. Sorgfältig und bildreich erklärt er mir den Weg zu einem ganz besonderen Platz auf seinem Gelände jenseits der Hauptstraße, der normalerweise für Touristen gesperrt ist. Es sei der perfekte Ort für einen Geburtstags-Sundowner. Natürlich machen wir das! Die Wegbeschreibung war wieder erstklassig und in nur 15 Minuten sind wir an einem wahrlich fantastischen Ort mit 360-Grad Rundumblick. Gelegen auf einer sanften, steinigen Anhöhe ergießt sich ringsum ein goldenes Grasmeer nahtlos bis zum Horizont, in die andere Richtung begrenzt von den beeindruckenden dunklen Bergen und roten Dünen. Die leichte Bewölkung sorgt für ein noch stimmungsvolleres Farbenspiel beim Sonnenuntergang. Ich mixe uns zur Feier des Tages einen GT mit dem blauen namibischen Gin. Dankbar setzen wir uns auf eine kleine natürliche Felstreppe, die den Sitzen in einem alten Amphitheater ähnelt. Wie geschaffen für das Betrachten des Naturschauspiels, das hier täglich geboten wird. Prost Boesman, und Danke für dieses einmalige Geschenk!

Tipps für das Bushman’s Desert Camp (Stand Dezember 2025):

Für das Camp unbedingt zwei Tage Zeit nehmen, um das Flair des Camps und der Wüste so richtig einzusaugen. Um 15:00 Uhr startet Boesman seine etwa eineinhalbstündige Wüstentour, die – wie beschrieben – extrem lehrreich ist.

Im Camp sind alle Sites wirklich nett. Den besten Blick auf das kleine Wasserloch vor dem Camp hat man von den Camps ganz draußen. Wir haben Oryx und Zebras gesehen.

Weiter entfernt, draußen in einem Trockenfluss-Tal gibt es auch einen einsamen Bush-Campsite, den man exklusiv buchen kann.

Für Nicht-Camper gibt es auch die sehr schönen Selbstversorger-Chalets, die wie eine Perlenkette aneinandergereiht angelegt sind.

Zahlung geht nur in bar, mtc-Empfang ist vorhanden aber ganz schwach und nicht durchgehend, kein Wifi („We have no Wifi, talk to each other!“).


Impressionen aus dem Camp:


Impressionen aus der Wüste rund um das Camp:


Bilder von einem der schönsten Sonnenuntergänge:

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