Vom Atlantik zum Fish River Canyon 

Von den Blumenwiesen in Namaqua fahren wir die Richtersveld-Route hinunter zur Küste in das kleine Hafen- und Ferienstädtchen Port Nolloth. Zu unserer Überraschung sind die Unterkünfte hier gut gebucht und erst nach ein paar Anläufen finden wir ein nettes Ein-Zimmer Beachhouse , das aber nicht – wie der Name vermuten ließe – am Strand gelegen ist, sondern erst in der dritten Reihe. Für eine Nacht passt das Mini-Appartement aber sehr gut als Ausgangspunkt für einen Spaziergang am von abgeschliffenen Felsenformationen und Massen an Muscheln geprägten Strand. Dazwischen tauchen hin und wieder kleine, flache Sand- und Kieselbuchten auf, in denen das Wasser gar nicht mal so kalt fürs Baden wäre. Die glatte Oberfläche des klaren Salzwassers schimmert verlockend. Doch draußen, jenseits der Felsen tobt eine heftige Brandung. Wir hören das Tosen der Wellen, deren weiße Kämme an der Riffkante brechen. 

Wie zerfetzte braune Gartenschläuche liegen immer mal wieder die abgerissenen Stängel und Blattteile des Kelp zwischen den Muscheln. Hier muss es tiefe Wälder davon geben. Das Bild von darin geschickt herumtollenden Robben taucht unweigerlich in unseren Gedanken auf. Vom Schwimmen ist hier eher abzuraten, denn Robben stehen ganz oben am Speiseplan zahlreicher hier heimischer Hai-Arten. Der beliebte Zeitvertreib der Südafrikaner dreht sich hier mehr um die Großfischjagd. So manch ein Pickup hat auf der Ladefläche eine große Spule zum Einholen der Fangleinen montiert, die „Sport“-Fischerei mutiert hier wohl eher zum Kampf Fisch gegen Pick-up…. Auch das Käfigtauchen ist hier wegen der vielen Weißhaie eine beliebte Attraktion. In den Werbe-Broschüren wird gebeten, aus Rücksicht auf den nächsten Benutzer des Tauchanzugs auf eine Mahlzeit vor dem Abtauchen zu verzichten, denn spätestens beim Anblick des ersten Weißhais…… Wir können also „leider“ nicht auf Tuchfühlung mit dem Weißen Hai gehen, schließlich wollen wir heute ordentlich Fisch essen (feig!). Eine ganze Platte im Restaurant des Scotia Inn Hotels verzehren wir, während vor uns die große rote Sonne zwischen Palmblättern im Atlantik versinkt. Der Hai muss halt warten, bis wir kommen.

Am Morgen geht’s die Richtersveld-Route rund 80 Kilometer nach Norden bis Alexander Bay am Oranje. Die Landschaft wird zunehmend trockener und ist von Dünen geprägt, doch auch hier sehen wir immer wieder noch die leuchtend gelben, orangen und manchmal weißen Wildblumen, wenn auch nicht mehr so zahlreich. Eigentlich war unser Plan, hier über den Fluss wieder nach Namibia einzureisen und den Oranjemund (die Mündung) zu besuchen. Doch leider kann das Zolloffice in Alexander Bay das Carnet de Passage für Luna nicht ausstempeln. Somit bleibt uns nichts anderes übrig, als 10 Minuten nach unserer Ausreise aus Südafrika gleich wieder ins Land einzureisen. Die Grenzbeamtin nimmt es gelassen. Damit werden unsere Pässe mit zwei Stempeln mehr als erwartet geziert, und wir erfahren die weiten Ebenen der Richtersveld-Route nun eben auch in die Gegenrichtung. Ich gebe zu, ich bin ob der Eintönigkeit immer wieder mal eingenickt. Das so baldige Wiedersehen mit Port Nolloth will gefeiert sein, und außerdem ist es ja schon Mittag. Wir gönnen uns daher im von unserer Wirtin empfohlen und gut frequentierten Takeaway (das einzige im Ort) eine wohlschmeckende Portion Fish & Chips, die wir stilecht mit Blick aufs Meer verspeisen. 

Vorbei an Steinkopf, biegt die Straße beinahe im rechten Winkel nordwärts und windet sich zum Grenzübergang in Vooilsdrift. Dort geht es zunächst rasch und problemlos, die Immigration- und Zollbeamten sind alle hilfsbereit, und Luna bekommt endlich auch ihren Ausreise-Stempel ins Carnet. Endlich rollen wir über die Oranje-Brücke nach Namibia. Dort sehen wir uns leider mit einem – gelinde gesagt – unerfreulichen Check am Health Control Point konfrontiert, bei dem uns einige Lebensmittel abgenommen werden (sogar originalverpackte Pflanzenmargarine, die angeblich geringste Spuren von Milch enthält). Martin weigert sich, den mühsam in Südafrika gefundenen Parmesan einfach aufzugeben und beginnt kurzerhand unter Beobachtung der zornigen Kontrolleurin das 200g-Käseeck fast gänzlich aufzufuttern, begleitet von einer halben Packung Salami. Ich kann im Getümmel der Durchsuchung der Kästen wenigstens noch eine Packung Biltong, mein Gemüse und die Fischdosen vor der Enteignung retten, eilig bemüht, meine Töpfe, Dosen und die für harmlos befundenen Lebensmittel wieder einzuräumen. Die Aktion wirkt im Nachhinein noch immer skurril auf mich und ich bin froh, dass die eigentlichen Grenzformalitäten klaglos und schnell über die Bühne gingen. In iOverlander hinterlässt Martin eine Warnung für andere Traveller, die sich um einen „aggressive attack dog sniffing into each and every corner of your vehicle“ dreht.

In Aussenkehr, dem nächsten Ort am Oranje, finden wir ein schönes Camp zwischen den weitläufigen Traubenplantagen direkt am Fluss, die einen relativ schmalen, saftig grünen Streifen bilden und sich abheben von der sonst kargen braunen Wüstenebene auf namibischer Seite und den Bergen am südafrikanischen Flussufer. 

Die Pläne, den Oranje entlangzufahren und dort zu übernachten, müssen wir am nächsten Tag leider begraben, da die Tankstelle des Ortes nur Diesel im Angebot hat – nicht ganz nach Lunas Geschmack. Wir befragen unser GPS, das uns die nächste Tankstelle in Ais-Ais Resort anzeigt. Das liegt an unserer Strecke und so machen wir uns früher als geplant auf zum Fish River Canyon. Aussenkehr ist – wie der Name schon andeutet – ein ziemlich gottverlassener Ort. Der Spar-Supermarkt ist sichtlich das modernste Gebäude, der Rest rundherum ist von der Straße bis zum Fluss eine Slum-Siedlung mit Hütten aus Blech, Stroh und Karton. Hier leben bestimmt tausende Landarbeiter der Plantagen, in denen die Trauben gezogen werden, die sich später in den Regalen der europäischen Supermärkte wiederfinden. 

Abseits von der Lebensader Oranje wirkt die schroffe, unwirtliche Landschaft auf uns wie ein wuchtiger Kontrast zu den lieblichen, blumenübersäten Wiesen, die wir vor kurzem noch durchwandert haben. 

Am Ziel unserer Tagesetappe werden wir abermals enttäuscht. Das große NWR-Resort in Ais-Ais verfügt zwar über zwei Zapfsäulen, doch beide mit leblosem Display. Auch diese Tankstelle ist trocken, und wir haben nun nicht mehr genügend Benzin im Tank, um die knapp 100 Kilometer bis zur nächsten Zapfsäule zu schaffen. Aber – wie immer in Afrika – findet sich eine Lösung, hier in Person des  Rezeptionisten, der langsam und geduldig beginnt, verschiedene Kollegen zu konsultieren, im Resort und auch am Telefon. Am Ende schafft es das Team, vom mehrere hundert Kilometer entfernten Keetmannshoop noch am selben Abend zwei 5-Liter-Flaschen (deren früherer Inhalt laut Label ein „vanilla flavoured“ Drink im Hungry Lion war) mit Benzin zu uns zu karren. Selbst die schwierige Frage der Überweisung des erforderlichen Geldbetrages zum Erwerb des Treibstoffs wurde bravourös gelöst, indem der Koch und der Rezeptionist Teilbeträge per Telefon von ihren Konten auf das Konto des Fahrers schickten. Von uns gab’s dann Cash und ein ordentliches Trinkgeld. Gewinnmarge ohne Trinkgeld für das Rettungs-Team: 250%. Aber sie haben es sich redlich verdient.

Ursprünglich gar nicht als Station auf unserer Tour eingeplant entpuppte sich der Aufenthalt im Ais-Ais Resort als sehr entspannend, nicht zuletzt wegen der heißen Quelle, die hier mit 65 Grad aus dem Boden sprudelt und zum „Abkühlen“ in ein riesiges ovales Becken gepumpt wird. Da geht sogar Martin ins Wasser und durchpflügt die Fluten wie ein Delphin. Das wohlig warme Wasser ist herrlich für die Muskeln. 

Der riesige Campsite hat rund 100 Stellplätze, ist aber nur mäßig besetzt. Uns gegenüber hat ein junger Engländer sein kleines Zelt aufgeschlagen. Er erzählt, dass er seit über neun Monaten von Portugal aus die Westroute Afrikas hinuntergefahren ist – mit dem Fahrrad!!! Eine großartige, bewundernswerte Leistung. Wir plaudern ein wenig mit dem netten jungen Mann und überreichen ihm am nächsten Morgen anlässlich seines Geburtstags ein kleines Geschenk. Die Manner-Schnitte und den Würfel mit Traubenzucker kann er bei den steilen Bergpassagen, die noch kommen, sicher besser gebrauchen als wir. 

Ais-Ais ist auch das Ziel des berühmten Fish-River Canyon Hiking Trails, bei dem die Wanderer verteilt über fünf Tage über rund 90 Kilometer zahlreiche Schleifen des sandigen Flussbetts bewältigen. Zweimal erleben wir mit, als eine Gruppe unter Applaus und Bell-Ringing die letzten 30 Meter gebückt unter der Last ihrer Rucksäcke am grünen Hotelblock entlang einmarschiert. So manch einer leicht humpelt, geplagt vom reibenden Sand in den heiß gelaufenen Schuhen. Das ist die Tageszeit, in der die Bar am meisten Bier und große Portionen Chips verkauft – beim Dinner gibts letztere nicht mehr. Wir sind selbst in der Früh nur rund 8 Kilometer des Trails gegangen und sind uns nach diesem kurzen Test des Terrains vollkommen einig, dass wir das keine fünf Tage lang genießen würden. Spätestens als wir zwei Tage später bei „Hikers Viewpoint“ den Einstieg in den Canyon erblicken, fühle ich mich erneut bestätigt. Ich würde hier schon auf den ersten Metern streiken. Nur für ein sehr kurzes Stück ist eine Kette zur Sicherung (oder Beruhigung der Nerven?) gezogen. Doch daran hängen so viele Schlösser und Glücksbringer, dass man sich eh nicht anhalten könnte. Die Infotafel meint dazu: „Getting to the bottom is considered by most to be the toughest part. However, there really is no other way down!“ Die Suche nach einer leichten Umgehung erübrigt sich also. Der Pfad erscheint von oben betrachtet eng, rutschig und steil. Mir wird schon drei Meter hinter der Abbruchkante stehend schwindlig und weich in den Knien, und ich bin voller Hochachtung vor den wagemutigen Abenteurern, die den Abstieg meistern. Da weder auf der Webpage, noch in den Broschüren derlei Bilder vom Einstieg oder entsprechende Beschreibungen auftauchen, hege ich gewisse Zweifel, ob jeder Teilnehmer tatsächlich gerne da hinuntersteigt oder eher der Gruppendruck die nötige Überzeugung liefert. Ein Grüppchen Neuankömmlinge auf dem Weg zum Start des Trails löst bei uns verwunderte Blicke aus. Zwei der Wanderer sind mit Regenschirmen (?) bewaffnet unterwegs – in der Hand, nicht im Rucksack! Wir versuchen, den Zweck der Gerätschaft zu erraten: Bremsfallschirm oder Sonnenschutz bleiben als Optionen übrig. Martin murmelt neben mir: „Ein Sonnenhut würde es vermutlich auch tun“. Wir können leider nicht berichten, ob die Schirme zum Grund des Canyons mitgewandert sind oder zurückgelassen wurden, ich kann mir aber beim besten Willen nicht vorstellen, dass die Mitnahme eines solchen auf der Liste der empfohlenen Ausrüstungsgegenstände verzeichnet ist. Nun ja, derlei Überraschungen gibt es immer wieder, in Peru sind uns einmal Japaner entgegengekommen, die den Wayna Picchu mit Flip Flops bezwingen wollten (im Nebel auf feucht rutschigem Pfad). Warum also nicht mal mit Regenschirm eine steile (und schattige schattige) Canyon-Wand hinab balancieren? 

Für uns geht es weiter zu mehreren Aussichtspunkten, die alle atemberaubende Ein-, Aus- und Überblicke in die grandiosen Canyon-Landschaften mit den verschiedenen Schichten, Farben und Formationen bieten. 

Die Infotafel am Main Viewpoint verraten uns, dass der Canyon Teil des Ais-Ais Richtersveld Transfrontier Parks ist, der 5.086 Quadratkilometer umfasst. Die Entstehung des Canyons erstreckte sich über Hunderte Millionen Jahren durch eine Kombination aus tektonischen Verwerfungen und starker Erosion durch den Fish River. Vor etwa 350 Millionen Jahren bildete sich durch die Bewegung der Erdkruste ein tiefer Graben, der als Ur-Tal für den Fluss diente. Gletscher vertieften diesen Graben während der Gondwana-Vereisung. Nach dem Auseinanderbrechen des Urkontinents Gondwana vor rund 120 Millionen Jahren hob sich der afrikanische Kontinent, was zu einer erhöhten Fließkraft des Fish Rivers führte und ihm ermöglichte, sich noch tiefer in das Gestein zu graben und die gewaltige Schlucht zu formen, die nun etwa 160 Kilometer lang, bis zu 27 Kilometer breit und bis zu 550 Meter tief ist und damit den zweitgrößten Canyon der Welt bildet.

Die Sage vom Drachen, dessen Kriechspur auf der Flucht vor Jägern aus der Wüste für die Entstehung der vielen Windungen und Biegungen der Schlucht verantwortlich zeichnen soll, finden wir jedoch als Erklärung für die Entstehung des Canyons weiterhin durchaus charmant. War halt ziemlich groß, dieser Drache. Soll’s aber geben!

Das NWR-Camp am Canyon in Hobas ist nett und wir sind froh, zwei Nächte gebucht zu haben. So haben wir untertags genug Zeit, auch zu schwimmen (der kleine Pool ist wieder nur was für Eisschwimmer, also kein Delfin im Wasser…), zu lesen und ein bisschen zu dösen, zumindest bis zur Ankunft von zwei randvoll besetzten Overlander Trucks, die direkt gegenüber von uns unter lautem Geklimper von Zeltstangen, krachend vom Dach fliegenden Packsäcken sowie aufgeregtem Gekicher und vielsprachigem Geschnatter ihr Lager aufschlagen. Es stört uns nicht weiter, denn diese Tourgruppen fallen wie ein Schwarm Hornissen spät am Tag ein und sind üblicherweise frühmorgens auch wieder weg. Afrika in 14 Tagen…. 

Das Canyon-Roadhouse, dessen ordentliche gut gefüllte Tankstelle unsere Rettung war, besuchen wir nochmals für ein ausgiebiges Frühstück. Es ist gleichzeitig ein lustiges Museum. Zahlreiche mehr oder minder zerbeulte oder rostige Oldtimer stehen davor und drinnen. Allesamt sind sie längst fahruntauglich, teils von Pflanzen bewachsen oder beladen mit einem lustigen Sammelsurium an Gegenständen, welche Reisend in den 50er- und 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts mitnahmen oder ein Roadhouse für sie bereithielt. Die zentrale Bar hat den überaus passenden Namen „Filling Station“ und ist – ebenso wie die Wände – reich dekoriert mit Nummerntafeln aus verschiedenen Ländern. Wir genießen den hervorragenden doppelten Espresso und nützen eine Stunde lang das gute Internet, um uns zu Hause und bei Freunden zu melden und schon vor Veröffentlichung dieses Blogs ein paar Eindrücke von den großartigen Tagen, die wir hier verbracht haben, mit ihnen zu teilen. Drache war leider keiner dabei. 

Unsere Tipps zum Fish River Canyon (September 2025):

  • Das Camp Hobas ist für die Besichtigung des Canyons die beste Option, da es im Park gelegen ist und man genügend Zeit hat, den Sonnenuntergang am „Sunset Viewpoint“ mitzuerleben und dann noch gemütlich ins Camp zu fahren. 
  • Das Camp Ais-Ais verfügt über einen Thermal-Pool, der sogar für „Warmduscher“ geeignet ist.
  • Die Wanderung durch den Canyon dauert fünf Tage. Für den Abstieg muss man schwindelfrei sein, die ersten 2-3 Tage sind sicher noch interessant, dann könnte es etwas mühsam werden, da man immer auf Sand geht und die Landschaft dann weniger spektakulär wird.
  • Internet geht in den beiden Camps kaum (maximal kurze WhatsApp), auf der Canyon-Wanderung natürlich auch nicht – man muss sich also auf Digital Detox einstellen.
  • Als „Internet-Insel“ hat sich für uns das Canyon Roadhouse erwiesen. Ausgezeichneter Empfang bei einem nicht minder ausgezeichneten Frühstück und sehr gutem Kaffee. Das Roadhouse an sich ist sehr originell und jedenfalls einen Besuch wert. Es hat auch die einzige funktionierende Tankstelle weit und breit!


Eindrücke vom Fish River Canyon:

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