Namibia hält richtig viele Natur-Monumente bereit. Erst am Vortag entscheiden wir, wohin es nach dem grandiosen Fish River Canyon gehen soll. Die Wahl fällt auf den nahe der Provinzstadt Keetmannshoop gelegenen Köcherbaumwald. Nicht zuletzt auch, weil wir dort auch übernachten können. Der Campingplatz ist groß und wir wählen einen Standplatz mit viel Schatten und natürlich – wie immer – einer heiteren Vogelschar, die sofort zahlreich heranfliegt und piepsend und zwitschernd nachdrücklich ihre Erwartung an uns deponiert.
Nach der langen Fahrt von Fish River Canyon und dem Stopp im Einkaufszentrum inklusive eine Stunde geduldiges Warten auf eine mtc Daten-SIM ist es ohnehin Zeit für eine Jause und einen guten Kaffee. Die eben erst erstandenen Crunchies erregen große Aufmerksamkeit bei einem der Finken. Entschlossen pickt er gegen die Packung, deren Inhalt verlockend hinter dem durchsichtigen Plastik hervorblinkt. Doch erfolglos, allein hat er keine Chance. Er fliegt davon, um kurz darauf mit fünf seiner besten Freunde einen gemeinsamen Luftangriff gegen die Verpackung zu fliegen. Doch die schützende Schicht hält dem Ansturm der flinken Schnäbel stand – zu unseren Gunsten. Brösel der herrlichen Crunchies fallen aber natürlich ab.
Wir machen uns auf zu unserem Nachmittagsausflug. Nur rund fünf Kilometer entfernt durchstreifen wir das wundersame Dolerit-Labyrinth des „Giants´ Playground“, klettern auf einige der Felsformationen, beeindruckt von der Weitläufigkeit des Gebiets. Nur gut, dass hin und wieder ein Wegweiser auftaucht, der uns wieder auf den eigentlichen Rundkurs leitet. Überall finden sich neue Motive der steinernen rot-braunen Felsen, die tatsächlich den Eindruck erwecken, als hätten hier Riesen mit gigantischen Bauklötzen gespielt. Hier thront ein Wanderschuh (Schuhgröße 448), da ein überdimensionaler Fußballschuh, der zugehörige Ball liegt nicht weit davon, dort ein frecher Riese, der dem Schiedsrichter die Zunge rausstreckt. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Es macht Spaß, in diesem Riesen-Spielplatz herumzuwandern.
Wir müssen aber weiter, denn die Hauptattraktion ist eindeutig der Köcherbaumwald auf dem Gelände neben unserem Campsite. Den haben wir uns für die Abendstunden aufgehoben, wenn die Sonne tiefer steht und die Stämme der wundersamen Bäume in ein goldiges Licht taucht. Der Wald ist zurecht als „National Monument“ ausgewiesen. In unterschiedlichster Größe stehen die einzigartigen Bäume hier auf dem steinigen Untergrund in einer Dichte, die wir zuvor noch nie gesehen haben. Die hellen Wurzeln umklammern die Felsbrocken und krallen sich im kargen boden fest. Ich frage mich, wie alt die größten wohl schon sind, abgebrochene Äste im unteres Stammbereich zeigen Jahresringe für locker 70 Jahre. Es ist ruhig, nur wenige andere Camper schauen sich im Wald um und versuchen, die besten Foto-Motive zu finden. Wir kraxeln auf einen schönen Sundowner-Felsen und stoßen mit den Savannas an. Auf einmal knirschen Schritte hinter uns und es zwitschert zuckersüß mit chinesischem Akzent:“ OooOh, this looks soooo butifuuul! Mee ai teek a pictu of yuuu tuuu?“ – und schon klickt es. Uns blieb gar keine Zeit für eine Antwort. Wen interessieren schon Köcherbäume?
Wir lachen und schauen weiter der Sonne beim Herabsinken zu.Dassies laufen aus dem Busch in unsere Richtung auf ihre Schlaffelsen, scheinen sich aber ebenfalls immer wieder Zeit zu nehmen, um den Sonnenuntergang zu bewundern. Das Hintergundrauschen von beigeisterten Ausrufen wird immer mehr, nun nähert sich eine ganze Busladung Chinesen. Der „Butiful Spot“ hat sich herumgesprochen und jetzt muss natürlich jeder und jede (es sind geschätzt 25 Personen in so einem Bus) genau hier auch so ein Foto haben. Unterschiedliche Posen werden probiert und das Ergebnis des shootings sogleich kichernd kontrolliert und eifrig kommentiert. Gegebenenfalls bedarf es einer Wiederholung, wenn die Handtasche oder der flatternde Rock vom ignoranten Fotografen falsch in Szene gesetzt wurden. Aber gut, die Sonne ist noch da, als die schnatternde Horde um einige Köcherbäume weiterzieht. Die Dassies blieben unbemerkt. Wir klettern von unserem Dassie-Rock, um ihn wieder den possierlichen Tierchen zu überlassen. Erstaunlich nahe lassen sie uns an sich herankommen, beinahe zum Anfassen.
Eine kleine Chinesin in rosa Kleid mit weißen Tupfen und Strohhut stürmt aufgeregt mit ihrem Telefon fuchtelnd auf mich zu. Sie erklärt japsend um Luft ringend, dass sie ein perfektes Foto von mir auf dem Felsen geschossen hätte und mir dieses unbedingt zeigen müsse. Das finde ich nun wieder reizend. Und es stimmt, die Aufnahme ist richtig gut und in Null Komma Nix ist sie auch per AirDrop schon auf meinem IPhone transferiert. Zum Dank zeigen wir ihr einen posierenden Dassie. Ein kurzes Kreischen, dann nur mehr unzähliche „Klicks“ des IPhones. Der Dassie nimmt’s gelassen.
So langsam wird es dunkel, nur ein schmaler leuchtender Streifen am Horizont erreicht uns noch. Die Köcherbäume erscheinen vor diesem Hintergrund wie Scherenschnitte aus schwarzem Seidenpapier vor einer Laterne. Das Restlicht nützend, finden wir den Pfad wandern zum Ausgang aus dem magischen Wald, vereinzelt hören wir noch die Oohs und Aahs der Chinesen. Ob die den Weg hinaus heute noch finden?
Erleichtert sehen wir in der Früh, dass der Bus nicht mehr da ist. Dem Reiseleiter ist es offenbar noch gelungen, seine bestens gelaunt durch die nächtliche Landschaft stolpernden Schäfchen wieder einzusammeln. Der Köcherbaumwald liegt wieder vollkommen friedlich und malerisch in der Morgensonne, als auch wir vom Gelände rollen und die Fahrt aufnehmen zurück zum Atlantik.
Tipps für den Köcherbaumwald (September 2025):
- Der Campsite beim Köcherbaumwald ist groß dimensioniert, hat Strom und gute Ablutions. Er liegt perfekt am Weg zwischen vielen Attraktionen (z.B. zwischen Lüderitz oder Fish River Canyon und Windhoek, zwischen dem Kalagadi Transfrontier Park und Sesriem). Eintritt für den Wald und Giants´Playground zahl man mit der Camping Fee.
- Den Köcherbaumwald selbst möglichst in der Abendsonne machen, mindestens eine Stunde, besser 90 Minuten Zeit nehmen.
- Das nahe gelegene Keetmannshoop eignet sich gut für einen Versorgungsstopp. Mehrere Tankstellen, mtc-Shop, Shoprite und Spar mit sicherem Parkplatz.
Giants‘ Playground:
Köcherbaumwald:














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