Weihnachten im Sossusvlei


Gestärkt vom legendären Apfelkuchen in Solitär erreichen wir recht flott die kleine Siedlung Sesriem, den Ausgangspunkt für Touren in das weltberühmte Sossusvlei. Das dafür erforderliche Permit besorgen wir noch bevor wir auf unseren heutigen Campsite fahren. Heuer haben wir keinen Platz mehr auf dem NWR-Site buchen können, aber gleich daneben gibt es das kleine Oshana Camp mit nur 10 Plätzen, die noch dazu jeweils ein eignes Bad und Schattendach haben. Den Pool des NWR-Camps und deren große schattige Palappa dürfen wir mitbenutzen. Nachbarschaftliche Kooperation funktioniert hier offenbar. Das Camp liegt sogar noch besser, da die Ausfahrt unmittelbar beim Kontrollgate einmündet – eine geradezu perfekte Ausgangslage, denn von hier darf man schon um 5:00 Uhr los Richtung Sossusvlei. Gäste von außerhalb müssen bis 6:00 Uhr warten. Das hat zwei wesentliche Vorteile: wir können den Dünensturm noch vor Sonnenaufgang starten und wir müssen die beeindruckenden Dünenlandschaften mit wesentlich weniger Menschen teilen, die potenziell durch unsere Fotomotive laufen.

Unser Campsite ermöglicht uns einen herrlichen Ausblick auf die Wüste. Als die Sonne schon tief steht, schlendern wir noch hinaus auf die rote Ebene zu uralten abgestorbenen Kameldornakazien. Die umgefallen Bäumen liegen malerisch am Boden, umrahmt und teils schon verschluckt von Sandwällen. Selbst im Kleinformat zeigen diese  jeweils auf einer Seite des spitzen Kamms das typische wellenförmige Muster, während die andere Seite samtig weich in eine Mulde ausläuft. Nur wenige strohige Grasbüschel trotzen der Trockenheit und ritzen – wie Zirkel gedreht vom Wind – perfekte Kreise in den Sand. Auf einer großen Wurzel sitzend, prosten wir der untergehenden Sonne zu und beschließen den Abend. 

Zurück bei Luna bereiten wir alles für einen frühmorgendlichen Start vor. Ich befülle die Thermoskanne mit kochendem Wasser für den Kaffee, richte die Thermobecher mit einem Löffel Nescafé her und schmiere uns zwei Marmeladentoasts. Der Wanderrucksack ist auch schnell gepackt. „Unterhalten“ werden wir bei den Vorbereitungen von unseren Camp-Nachbarn. Die deutsche Mama liest ihrer Familie aus vier (!) unterschiedlichen Reiseführern die Highlights der Region vor. Ich glaube mich erst zu verhören, aber an Martins ungläubigem Blick merke ich gleich, dass ich meinen Ohren trauen kann: sie macht aus jedem Vlei ein „Veli“. Beharrlich berichtet sie der ehrfürchtig lauschenden Familie, welche Attraktionen das Dead Veli und das Sossusveli bereithalten. Das Wort taucht praktisch in jedem zweiten Satz auf. Wir können leider nicht berichten, ob die deutsche Familie je eines der Velis gefunden hat…..

Da wir unsererseits früh in die Vleis aufbrechen wollen, lauschen wir den interessanten Ausführungen über die „Velis“ nicht weiter, sondern gehen früh schlafen. Die Nacht ist ziemlich windig und kurz, denn bereits um 4:00 Uhr brummen die ersten Automotoren im Camp, vermutlich zum Start der Ballonfahrten. Um 4:50 sind wir startklar und reihen Luna kurz darauf hinter fünf weiteren Autos vor dem Kontrollgate ein. Um Punkt 5:00 Uhr setzt sich der kleine Konvoi in Bewegung, es ist noch stockdunkel. So nach und nach beginnt es hinter uns zu dämmern, und auf Höhe des 2×4-Parkplatzes sieht man dann schon recht gut, und wir benötigen die Scheinwerfer fast nicht mehr, um die beste Spur durch die letzten, sandigen 5 Kilometer zu finden. Die mächtige „Big Daddy“ Düne lacht ins in der Ferne schon entgegen, da wollen wir hin. 

Es ist noch sehr wolkig, als wir in unsere Wanderschuhe anziehen und beherzt losstapfen zum Startpunkt des Dünenaufstiegs. Wir erklimmen die erste Düne am Kamm entlang relativ gut, der Sand ist noch kühl und fest. Oben am höchsten Punkt der Düne angekommen, fällt uns sofort ein Unterschied zu unserem letzten Besuch vor sechs Jahren auf. An den steilen Hängen Richtung Dead Vlei (oder doch „Veli“?) haben sich zahlreiche Pflanzen angesiedelt, deren dürre und nur teilweise noch leicht grünen Stängel sich senkrecht emporrecken – sicher eine Folge der heurigen starken Regenfälle. Wir gehen noch ein Stückchen weiter entlang des Dünenkamms hinab und setzen uns dann kurz mit Blick hinab aufs Dead Vlei, um unser Frühstücksbrot zu verzehren. Hier merke ich, dass ich nicht mehr auf die Spitze von Big Daddy, unserem eigentlichen Ziel, gehen möchte. Mir ist es viel zu kühl und beim Anblick der steilen Flanken wird mir leider schwindelig. Martin murrt zwar ein bisschen, der starke Wind und die fehlende Sonne überzeugen aber dann auch ihn, dass eine weitere Stunde bergauf bei diesen Verhältnissen nicht so gescheit wäre. Es friert ihn eh auch in seinem T-Shirt, ich hab ja wenigstens noch mein langärmeliges Hemd übergezogen. Dass es auf den Dünen ohne direkte Sonne so frisch bleibt, haben wir unterschätzt. 

Unseren Abstieg im weichen Sand bestreiten wir halb laufend und halb rutschend – eine lustige Bewegung, die wie ein Sprint in Zeitlupe aussehen muss. Mit jedem Schritt füllen sich unsere Bergschuhe mehr und mehr mit rotem Sand. Selbst in meinen Socken sammelt sich der Sand und bildet kleine, drückende Polster. Unten am festen weißen Boden des Dead Vlei angelangt, müssen wir beide Schuhe und Socken erst mal ausleeren und kräftig ausschütteln, um wieder entspannt weitergehen zu können.

Zunächst erscheint uns alles ein wenig grau in grau, als wir über das Dead Vlei schlendern, wir machen dennoch einige Aufnahmen. Später beim Betrachten des Ergebnisses schwindet die anfängliche Enttäuschung zunehmend. Wir finden die Bilder trotz des fehlenden blauen Himmels ziemlich ausdrucksvoll, die roten Dünen entwickeln gegen den bewölkten Himmel eine ganz eigene, düstere Magie, auch wenn sie nicht so strahlen wie bei unseren letzten (sonnigen) Besuchen hier.

Für ein paar lustige Fotos setzten wir dann abwechselnd unsere mitgebrachte Weihnachtsmannhaube auf. Das rote Vlies und die flauschige weiße Krempe fühlen sich richtig fein an nach dem starken Wind auf der Düne. Hätte nicht gedacht, dass ich mitten in Namibias Hochsommer gerne eine wärmende Pommelmütze trage. 

Es ist Zeit, den Marsch hinaus auf dem Hauptpfad zurück zum Parkplatz anzutreten. Von dort zieht nämlich schon die Karawane der Tourengruppen heran, und auf einmal sind es hunderte von Touristen. Die Chinesen haben wieder mal etwas Großartiges erfunden, diesmal gegen das Eindringen von Sand in Schuhe. Sie tragen neonfarbene, undurchlässige Kniestrümpfe, die sie über ihre Schuhe gestreift haben. Von weitem betrachtet wirken sie wie bunte Gummistiefel. Nun ja, wir Europäer haben uns früher auch über die bei Asiaten allseits beliebten Gesichtsmasken gewundert, die wirkten dann aber erstaunlich gut gegen das Eindringen von Viren. Ob diese Strümpfe bei uns ebenfalls zum Bestseller werden, ist derzeit allerdings noch fraglich. 

Umgekehrt tragen auch wir mit unserer Weihnachtsmannhaube zur Erheiterung der Entgegenkommenden bei. Einige lächeln verschmitzt, andere wieder strecken fröhlich grinsend den Daumen himmelwärts oder rufen uns Merry Christmas zu. Ich singe den (etwas abgewandelten) Refrain eines Weihnachtsliedklassikers „Walking in a Winter-Sandyland“, unter der Weihnachtsmannhaube neben mir schallt es immer wieder „Ho-ho“.

Weiter geht’s zum Sossusvlei. Das Veli (sorry, musste sein…) präsentiert sich uns noch vollkommen still, keinerlei andere Gäste zu sehen. Lediglich ein paar Vögel fliegen zwitschernd auf, als Luna neben einem uralten Kameldornbaum parkt. Wir zurren die Schnürsenkel unserer Wanderschuhe wieder fester und spazieren – tief beeindruckt von der Schönheit dieser Landschaft – über den trockenen und aufgesprungenen Lehmuntergrund des Vleis. Ein einsamer kleiner Springbock ist entlang des Weges zwischen den kargen Büschen und Gräsern auszumachen. Den Startpunkt und die Route des Aufstiegs auf die an der Ostseite des Tals emporgewachsene Sterndüne können wir anhand der noch schemenhaft erkennbaren Spuren vom Vortag erahnen. Da es mit dem Aufstieg auf Big Daddy nichts wurde, beschließen wir alternative und zum Training noch eine weitere Düne zu erklimmen – immerhin die „Vordüne“ zu Big Mama. Und die hat es auf den letzten Metern besonders in sich, sie erweist sich im oberen Drittel als extrem steil und tiefsandig – es geht jeweils zwei Schritte vor und dann sofort einen zurück! Um das zu bewältigen, muss man schnell dahinstapfen, was uns beide wiederum dazu zwingt, hin und wieder innezuhalten, um den Puls von 160 wieder etwas herunterzubringen. Der Ausblick ganz oben belohnt uns allerdings für die enorme Anstrengung. Zu unserer Freude beginnt nun endlich auch die Sonne durch die dicke Wolkendecke zu blinzeln, wodurch die Farben der Dünenlandschaft wunderschön gegen den blauen Himmel leuchten. Das Allerschönste allerdings ist, dass wir hier oben die einzigen sind. Niemand sonst kommt nach. Während sich die Massen noch im Dead Vlei tummeln, genießen wir hier oben unseren vollkommen privaten Dünenkamm. 

Den Abstieg bestreiten wir in einem Halbkreis über die flachere Flanke der Düne auf der anderen Seite – die Orientierung fällt uns leicht, da wir von oben unseren Weg zurück zu Luna schon sehr gut einsehen konnten.  Das war eine herrliche Tour, die wir zur Belohnung mit einem ausgiebigen Brunch am Picknicksite des Sossusvlei beschließen. 

Am Weg zurück nach Sesriem, helfen wir noch einem kleinen Tourbus, der sich im mittlerweile heißen Tiefsand festgefahren hatte, mit unserer Schaufel, Anschieben und Unterlegen von Holz bei den Befreiungsversuchen. Es klappt, der Fahrer und seine Gäste sind alle happy und wünschen zum Abschied fröhliche Weihnachten. Niemand sonst ist stehen geblieben, um dem armen Kerl zu helfen, zu groß scheint die Furcht, Momentum zu verlieren und selbst im Tiefsand steckenzubleiben. Wir haben inzwischen ein Urvertrauen in Luna entwickelt, die sich untersetzt mit eingelegten Sperren dann auch problemlos aus dem Sand gräbt. 

Bei der malerischen Düne 45 machen wir noch den obligaten Fotostopp – von einer Besteigung nehmen wir aber Abstand, heute haben wir definitiv schon genügend Schritte im Tiefsand zurückgelegt. Wir rollen zufrieden durch Sesriem und freuen uns nun schon auf die Hoodia Lodge. Dort wollen wir für zwei Tage ausspannen und Weihnachten verbringen. Vor sechs Jahren hatten wir diese zauberhafte, etwas abseits von Sesriem gelegene Lodge entdeckt und schon damals beschlossen, wiederzukommen. Es ist ein herzliches Wiedersehen und wir erkennen sofort viele Details des Gebäudes und der Einrichtung wieder, obwohl uns Eigentümer Thomas versichert, sein Sohn hätte während der Pandemie einige Neuerungen vorgenommen. Der wie ein schlafender Löwe aussehende Felsen, den man von der Hauptterrasse hoch über dem Trockenflusstal bestaunen kann, ist – wenig überraschend – auch noch da. Unsere Hütte, die Hauptlobby, der kleine Poolbereich, das gute Essen und vor allem das freundliche Team ermöglichen uns auch diesmal einen besonderen Aufenthalt. Zum Tagesabschluss führt uns Paulus auf den Hügel in der Mitte des weitläufigen Talkessels, der von einer dramatischen Bergkulisse umrahmt wird. Dort ist schon ein kleiner dekorierter Tisch auf bunten Teppichen mitten zwischen spitz zulaufenden Felsblöcken platziert, die Kühlbox ist mit ausreichend Bargetränken befüllt und rund um stehen mehrere „Brown bags“, die später unsere Laternen werden. Paulus spielt noch kurz den Barkeeper und mixt uns zum Auftakt eines stimmungsvollen Sonnenuntergangs stilecht einen GT. Danach lässt er uns allein in diesem romantischen Setting. Die Sonne verschwindet langsam hinter den Bergvorhängen, hinterlässt einen von orange ins violett übergehenden Schimmer, bis sie der Mond als sanfte Lichtquelle ablöst. Zwischen den im Kerzenlicht schimmernden Brown bags lugt eine neugierige Maus hervor. Sie hat wohl gelernt, dass sie bei den Sundowner-Gästen manchmal ein Stück Käse abstauben kann. Leider gibt’s den bei uns nicht mehr, den hatten wir zuvor schon Paulus mitgegeben.  

Den Folgetag entspannen wir in der Lodge, die unter Tags wunderbar ruhig ist, da fast alle anderen Gäste auf der Sossusvlei Tour unterwegs sind. Ein paar Weihnachtsgrüße an Freunde und Familie verschicken wir noch, gepaart mit einigen Eindrücken aus der Wüste. Den Weihnachtsabend verbringen wir dann beschaulich bei einem schönen Dinner, guter Musik und einer Flasche Pinotage, völlig ohne Weihnachts-Trara, ganz nach unserem Geschmack.  

Tipps für den Sossusvlei (Stand Dezember 2025):

Oshana Camp liegt als Ausgangspunkt ideal, man kann um 5:00 Uhr eine Stunde früher aufbrechen als Gäste, die nicht im Park übernachten. Pool und Restaurants des benachbarten NWR-Camps kann man mitbenützen, jeder Site hat private Sanitäreinrichtungen. Für Verwöhnte scheint auch die dazugehörige Lodge durchaus einen Blick wert.

Das Sandfeld vor den Dünen bereitet vielen Namibia-Anfängern Sorgen. In der Früh ist der Sand fest und kein Problem, bei der späteren Ausfahrt geht ohne 4*4 wenig, die üblichen Mietwagen werden wohl Untersetzung und Sperren brauchen. Besonders Vorsichtige lassen auch Luft ab, wenn das Auto einen Kompressor zum späteren Wiederaufpumpen hat. Gerüchte, dass die Einfahrt auch für 4*4 verboten ist, stimmen nicht. Dieser Versuch, dass auch alle Selbstfahrer bezahlte Shuttles hätten benutzt müssen, wurde nach einer Woche wieder abgebrochen.

Der Aufstieg auf die Dünen ist anstrengend, lohnt aber auf jeden Fall! Für Big Daddy sollte man etwa 1 ½ Stunden einplanen bis zum Gipfel, die Vordüne zu Big Mama am Sossusvlei ist extrem steil. Daher (wie eigentlich jede Düne) von der „runderen“ Seite angehen – dort ist der Sand fester.

Die Hoodia Lodge ist ein afrikanischer Traum. Zwei Nächte bleiben, den Sundowner unbedingt genießen!

Als weitere Attraktionen rund um Sesriem empfehlen wir eine Ballon-Fahrt und die Wanderung in den Sesriem Canyon (nicht zur Mittagszeit, denn dann findet man dort überhaupt keinen Schatten).

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