„„Haben wir eigentlich Schäkel dabei?“ Unvermittelt stellt Eva die Frage beim Aufräumen der Staufaches mit dem Werkzeug in Luna. Ich kann mit der Frage erst wenig anfangen, schaue sie ungläubig an und vermute zuerst, dass die Frage nicht ganz ernst gemeint ist. Wir sind seit rund 230 Tagen mit Luna unterwegs, die beiden schwarzen Schäkel hängen am Griff für das Zeltdach und die Eingangsklappe, und erleichtern als Verlängerung das Schließen. Sie baumeln also täglich gut sichtbar vor unseren Augen. „Ja klar, hängen direkt vor dir“, antworte ich kurz mit fragendem Blick auf die beiden Schäkel.
Zu diesem Zeitpunkt wussten wir noch nicht, dass wir sie zwei Tage später erstmals für ihren eigentlichen Zweck einsetzen würden. Sie dienen zum Verbinden von Bergegurten mit Ankerpunkten an abschleppenden oder geschleppten Fahrzeugen und haben eine Zugkraft von jeweils 12 Tonnen. Also definitiv genug für unser Dach und unsere Hecktüre…
Wir verlassen den Zinave Nationalpark und merken gleich, dass die Straßen nicht wirklich aufgetrocknet sind. Das stellt aber auf den ersten Kilometern kein wirkliches Problem dar, wir kommen gut voran. Nach Mabote nähern wir uns auf der N222 einer Lagune, über die es eigentlich eine Brücke geben sollte. Sollte, denn als wir uns nähern, sehen wir sofort, dass der letzte Zyklon nicht viel davon übergelassen hat. Also zurück und neuer Versuch auf einer in unseren GPS-Karten eingezeichneten Piste nördlich der Lagune. Es wird zunehmend feucht, die Schlammlöcher länger und tiefer. Vor längeren nassen Passagen steige ich aus, um mich nach Alternativen bzw. Ausweichen umzusehen – meistens mit Erfolg. Irgendwann verliert sich die Piste, offenbar wurde auch sie in der letzten Regenzeit weggeschwemmt. Wir fahren kurz querfeldein durch das Feld, ohne Vorwarnung wird das Terrain auf einmal tief und Lunas Reifen stecken tief im Schlamm. Wir fahren nur im normalen 4*4 Modus ohne Untersetzung, also probiere ich gar nicht lange, hier durchzukommen. Ich steige aus, schließe die Differenzialnaben an den Vorderrädern, gehe in die Untersetzung und sperre beide Differenziale. Luna hat jetzt etwa die 2,5fache Kraft, es sollte also gehen. 30cm nach vorn, dann ist Schluss. Kurz noch einmal nach hinter, denn mit etwas mehr Gas wieder nach vorne, wieder ist nach 30cm Schluss. Wir graben uns tiefer ein, es hat keinen Sinn. Also Plan B: Holz holen. Als ich im nahegelegenen Wäldchen trockene Mopane-Stämme sammle, kommt ein Motorradfahrer vorbei und bietet sofort Hilfe an. Pedro beteiligt sich sofort am Holzsammeln, wir legen die Stämme hinter alle vier Räder. Auf Kommando gebe ich Gas, Eva und Pedro schieben, leider mit wenig Erfolg. Mehr Holz muss her, so suchen wir alle drei im nahen Wäldchen nach geeigneten Prügeln ohne Dornen. Auf einmal rauscht ein Mietwagen mit drei Deutschen vorbei. Eigentlich wollen sie wirklich vorbei, auf unser Winken und Rufen reagieren sie dann aber doch und bleiben mehr oder weniger begeistert in sicherer Entfernung stehen. Wir erklären ihnen, dass sie uns rausziehen könnten, falls wir es wir es mit dem Holz nicht schaffen. Der zweite Versuch klappt dann glücklicherweise. Ich schaukle Luna am Holz 4-5mal nach vorne und hinten auf, und als das Holz solide im Schlamm eingearbeitet ist, kommen wir nach hinten frei.
Pedro fährt mit seinem Bike in die gleiche Richtung wie wir, was sich als sehr hilfreich herausstellen sollte. Etwa zwei Kilometer später kommen wir an eine etwa 150 Meter langes Schlammloch mit deutlich erkennbaren Fahr- und Kampfspuren (jede Menge Holz liegt überall herum). Pedro wartet auf uns, obwohl er mit seinem Bike locker durch den trockenen Wald auf die Hauptstraße hinter der Schlammpassage fahren könnte. Das schaut wirklich wild aus, der erste Reflex ist „umdrehen“, aber die Hauptstraße ist keine 200 Meter entfernt und der Umweg würde mindesten eine Stunde dauern. Ich gehe die gesamte Passage ab, verliere immer wieder meine Busch-Patschen, weil der Schlamm extrem klebrig ist. Beim Zurückgehen habe ich einen Plan für die Ideallinie. Wir müssen nur die ersten 20 Meter in der mit Wasser gefüllten Fahrspur bleiben, dann kann ich mit dem rechten Reifen auf’s trockene „Ufer“ und sollte so durchkommen, denn mit den Sperren reicht die Kraft auf einer Seite aus und die Reifen im Schlamm können nicht sinnlos durchdrehen. Zur Sicherheit räume ich auch noch alle Holzstücke von dieser trockenen Linie weg.
Also wagen wir es. Wieder kommen die Sperren rein und ich beschleunige in der Dritten untersetzt auf das optimale Drehmoment. Als es Zeit wird, die rechten Reifen auf die trockene Linie zu bringen, lenke ich entschlossen ein – und nichts passiert. Mist! wir sind zu tief in der Spur. Noch ein Versuch auf die andere Seite, wieder erfolglos. Sch…. Wir kommen da nicht raus. Es hilft nichts, wir müssen in der Fahrspur bleiben. Jede weitere Lenkbewegung würde zusätzlichen Widerstand bringen, ein Zurückschalten in die Zweite würde während des Schaltens kurz den Vortrieb nehmen, das ist mir zu riskant. Ich bleibe am Gas, Schlamm fliegt auf die Motorhaube und die Frontscheibe, die Scheibenwischer schaffen es fast nicht mehr. Luna kämpft und wird deutlich lauter. Nach etwa 100 Metern geht nichts mehr, die Reifen haben durch den Schlamm kein Profil mehr. Eva feuert Luna an („Auf geht’s, du schaffst es! Weiter Luna!“), aber es hilft nichts. Wir stehen rund 10 Meter vor einem sicheren trockenen Fleck.
Da hier in absehbarer Zeit kein Traktor vorbeikommen wird, müssen wir uns selbst aus dem Schlamassel ziehen. Also wird es Zeit für Lunas ersten Seilwinden-Einsatz. Eva holt den Bergegurt aus dem Heck, Pedro hilft tatkräftig mit und schlingt ihn um den am besten gelegenen Baum. Ich ziehe die Winde raus und hake sie am anderen Ende des Gurtes ein. Dann noch schnell die Windensteuerung anschließen, Motor ein und los geht’s! Unsere Winde hat 5 Tonnen Zugkraft, sie sollte das also locker schaffen. Das Seil strafft sich – und mit einem lauten Krachen splittert der Stamm des Baums. Luna wurde zum Holzfäller. Ein neuer Baum muss her. Ich suche und prüfe gemeinsam mit Pedro die nächstgelegenen stabileren Kandidaten. Barfuß im Schlamm herumwatend finde wir zwei dicht beieinanderstehende Mopane und binden den Bergegurt dort fest. Damit schaffen wir es hoffentlich. Ich bitte Eva, auf den Fahrersitz zu rutschen und Gas zu geben, wenn ich es sage, ich selbst steuere die Winde neben dem Auto stehend. „Gas!“ Als die Winde anpackt und Luna sich bewegt, drückt Eva das Pedal durch und Luna hebt sich aus dem dicken schwarzen Morast. „Stopp!“ schreie ich gerade noch rechtzeitig, bevor sie das Windenseil überfährt. Luna wurde inzwischen von der seitlich am Baum befestigten Winde vorne ein wenig angehoben, das ist dann auch nicht notwendig. Ich mache das Seil los und ziehe es ein. Pedro und ich fordern Eva auf, gleich ganz rauszufahren. Eva richtet sich erst jetzt den Sitz und hält sich konzentriert so weit neben dem Schlamm, dass der rechte Spiegel fast einen Mopanebaum streift. Aber egal, besser als links nochmal in den morastigen Schlamm zu rutschen. Wir sind frei! Über eine Stunde hat die Aktion gedauert, Pedro und ich sind ziemlich dreckig und verschwitzt. Er bekommt von Eva eine Umarmung und von mir ein ordentliches Trinkgeld als Dank für seine aufopfernde Hilfe. Unterm Strich: Ich habe uns im Schlamm festgefahren, Eva hat Luna rausgefahren – faire Arbeitsteilung!
Am nächsten Tag putzen wir Luna außen und innen, reinigen den Bergegurt und auch die Winde, die wir sowieso neu und ordentlich aufrollen müssen für den nächsten Einsatz. Und der sollte bereits zwei Tage später kommen. Dazwischen fährt Luna zweimal auf nur von menschlicher Kraft gezogen und geschobenen Fähren über den Limpopo (ohne dabei nass zu werden). Die Sandpassagen bei Zu-und Abfahrt sind für sie einfach zu bewältigen.
Wir richten uns im Mabalauta Camp des Gonarezhou Nationalparks gerade für den nachmittäglichen Gamedrive ein, als wir unter uns ein Auto hören, das offensichtlich die Furt durch den Fluss benutzen will. Wir hören das Wasser, der Motor wir lauter und lauter, das aufspritzende Wasser jedoch leiser und leiser. Und aus. Der Landcruiser-Pickup der Parkverwaltung steht mit einem Trailer mitten im Fluss. Wir beschließen, den Gamedrive ausfallen zu lassen und fahren durch tiefsandige Passagen hinunter an den Fluss. Die Burschen sind hocherfreut, dass Hilfe kommt. Sie schmieden sofort Pläne (von A bis mindestens G). Wir beobachten, wie gelassen die vier Burschen beraten und handeln. Es gibt keinen Streit, keine Schuldzuweisungen, sondern ganz im Gegenteil. Es wird konstruktiv an einer Lösung gearbeitet, und sogar der Humor kommt nicht zu kurz.
Plan A ist einfach: Ein zweiter Cruiser ist am Weg, wird sich vor das gestrandete Auto setzen und dieses mit Trailer ans andere Ufer ziehen. Der Retter ist auch bald da, fährt frohen Mutes an uns vorbei in den Fluss – und strandet. Also zwei Cruiser und ein Trailer im Wasser.
Plan B: Wir ziehen zuerst den Trailer raus, dann kann sich der erste Cruiser vielleicht selbst befreien. Ich wende Luna (mit ziemlich viel Mühe) im Tiefsand und stehe jetzt mit dem Heck zum Fluss. Wir holen unseren Bergegurt raus und befestigen ihn (mit einem Schäkel – da haben wir ihn wieder!) an Luna. Damit kommen wir zehn Meter ins Wasser, der Rest sollte mit den Seilen der Park-Vehikel machbar sein. Aber: die haben gar keine Seile, sondern holen Drähte von der Ladefläche des zweiten Cruisers, die sie auf die erforderliche Länge zusammenknoten – das dauert natürlich eine Weile. Wir binden den letzten Draht an die Schlaufe unseres Gurtes, den Rest machen die Jungs. Fünf Versuche braucht es, bis keine der Drahtverbindungen mehr reißt! Der mit 200 Liter Wasser befüllte Trailer bewegt sich halb gezogen und geschoben langsam Richtung Ufer und steht dann erst Mal an Land.
Jetzt kommt das erste Auto dran mit Plan C: Mit den Drähten werden wir das Buschtaxi wohl eher nicht aus dem Fluss bekommen. Also wende ich Luna wieder, die Seilwinde hat ihren nächsten Auftritt. Verbunden mit dem (durch die Drähte ramponierten) Bergegurt reicht die Länge, und Stück für Stück zieht Luna den Cruiser aus dem Wasser. Ich setze immer wieder zurück, wenn er aus eigener Kraft ein paar Meter schafft, spanne mit der Fernsteuerung das Windenseil erneut und ziehe, bis es wieder an Spannung verliert. Die Winde darf nicht als Abschleppseil verwendet werden, also darf ich nicht gleichzeitig zurückfahren und ziehen, sondern nur entweder, oder. Gar keine so leicht Koordination, aber eine gute Übung. So schafft es der erste Cruiser an Land. Die Burschen freuen sich riesig und meinen, den Rest schafften sie allein. Für uns ok, wir genießen mit einem Bierchen in der Hand den malerischen Sonnenuntergang und wollen uns danach auf das nur knapp 200 Meter entfernt am Flussufer liegende Camp aufmachen.
Luna steht mit der Schnauze zum Fluss, ich muss also wieder wenden. Schon etwas müde schaue ich mir das Gelände an und gehe eine reichlich mit Steinen durchsetzte Passage ab. Ich sinke kaum ein, das passt schon. Also setze ich 20 Meter zurück und fahre in diese Passage. Unerwartet tief. Also stopp und wieder nach vorne raus in die Spur. Nichts geht mehr. Es war viel tiefer als vermutet, die knapp 3,5 Tonnen schwere Luna steckt bis zur halben Reifenhöhe im Uferschlamm. Nichts hilft, kein Holz, kein Schieben. Nach nur zwei Versuchen gebe ich auf und ärgere mich maßlos über diesen dummen Fehler, denn nur 20 Meter weiter wäre der Sand trocken gewesen. So ein Sch…..
Plan D: Ein Traktor zieht uns raus. Die Burschen funken in den 30km entfernten Workshop und fordern ihn an, denn auch sie kommen im Fluss nicht ohne Hilfe weiter. Wir warten und warten, 30km sind für einen Traktor eine lange Strecke. Eva legt sich hinten auf die Bank und liest ihren Krimi. Viel können wir jetzt ja nicht tun. Am Campsite gehen die Feuer an, wir sehen Taschenlampen. Die Leute oben müssen uns bemerkt haben, zusätzlich geben ich mit unserer (sehr starken) Taschenlampe fokussierte SOS-Signale ab. Wir würden ein weiteres Auto als Anker für die Seilwinde und weitere Bergeausrüstung durchaus brauchen können. Aber niemanden da oben kümmert es, das abendliche Camp-Leben ist einfach gemütlich….
Als der Traktor eintrifft, will er uns zuerst mit einer Kette herausziehen, was ich ablehne, denn wenn die Kette reißt und gegen Lunas Schnauze oder Windschutzscheibe donnert, haben wir (und auch ich am Steuer) ein Problem. Also wieder unser Bergegurt, der kinetisch ist, also Energie besser aufnimmt und abgibt als eine Kette. Der Traktor zieht beherzt an – und es passiert nichts. Seine dicken Hinterräder drehen durch und es türmen sich Sandhügel dahinter auf. Luna rührt sich nicht. Die von den Drähten eingerissene Schlaufe unseres Gurtes reißt (trotz Schäkel). Stopp!
Plan E: Wir nehmen den Traktor als Anker für unsere Winde, die damit ihren dritten Auftritt hat. Er positioniert sich quer zu Luna in 15 Meter Entfernung, wir haken uns ein. Diesmal steige ich aus und bediene die Winde in maximaler Entfernung über die Steuereinheit, denn wenn sie reißt, ist es im Auto nicht sicher. Aber es funktioniert. Luna bewegt sich, bis Eva lauthals „Stopp!“ schreit. Ein großer Ast, den wir zuvor untergelegt hatten, hat sich zwischen Reifen und hinterer Blattfeder verkeilt. Das kann einiges an Schaden anrichten, also setze ich ein paar Meter zurück und die Jungs reißen ihn mit einer Kette heraus. Zentimeter um Zentimeter schaffen wir es aus unserer misslichen Lage, doch plötzlich zischt es am Hinterreifen. Offensichtlich hat ein weiterer Ast in der Drehbewegung das Ventil beschädigt. Luft sprudelt ins Schlammloch – was kann denn noch alles passieren?
Ich kann trotzdem noch ins Trockene fahren und stoppe auf einem halbwegs ebenen Platz, an dem wir den Reifen wechseln können. Eva klettert hoch aufs Dach und beginnt unseren Ersatzreifen freizulegen. Mit vereinten Kräften werfen ihn dann vom Dach hinunter in den Sand. Zusätzlich schraube die Sandbleche ab, die wir als Stabilisierung für den Wagenheber brauchen. Die Burschen haben sichtlich viel Routine, der Reifen ist in nicht mal 10 Minuten gewechselt. Sie bieten auch sofort an, ihn in den Workshop mitzunehmen, das Ventil zu tauschen und ihn uns morgen wieder zu bringen. Wir sind extrem erleichtert, dass wir dieses Abenteuer mit tatkräftiger Unterstützung jetzt überstanden haben.
Es ist stockdunkel, als wir uns endlich auf den Weg ins Camp machen, wo wir dann ziemlich erschöpft ankommen und noch etwa eine Stunde lang den Traktor bei der Arbeit hören können. Am Nachbar-Campsite brennt das Feuer, die Herrschaften genießen offenbar ihre Drinks.
Lehren aus den Schlammschlachten:
Es ist extrem wichtig, in schwierigen Situationen das zu durchfahrende Areal genau anzuschauen. Am besten barfuß, denn dann spürt man den Boden am besten. In Zukunft schaue ich mir auch die Tiefe und Tragfähigkeit der Fahrspur genauer an.
Nach dem Abgehen in Ruhe alle Alternativen durchgehen und in jedem Fall mit dem Beifahrer beraten. Erst wenn ein klares gemeinsames Verständnis da ist, den Plan in die Tat umsetzen.
Wir haben in allen befahrenen Ländern bisher die Erfahrung gemacht, dass die Locals gerne und unaufgefordert Hilfe anbieten (und sich natürlich ein Trinkgeld erwarten). Wenn man in diesen Regionen motorisiert unterwegs ist, gehören Bergungen zum Alltag und damit kommt eine gewisse Ruhe und Gelassenheit.
Andere Overlander bieten selbstverständlich Hilfe an, die meisten Touristen aus dem globalen Norden ziehen es in der Regel vor, ihren Urlaub ungestört fortzusetzen.















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Aufregende Erlebnisse, nichts für schwache Nerven, meine Hochachtung,!,