Die Anfahrt von Gonarezhou überrascht uns mit viel besseren Straßenverhältnissen als erwartet, offenbar ist die Strecke von Chiredzi Richtung Mutare eine wichtige und daher gepflegte Verbindung. Der dafür ursprünglich geplante Übernachtungsstopp ist daher nicht notwendig und wir beschließen, gleich in einem Stück in die Bergregion durchzufahren.
Die Anreise führt uns entlang des breiten Save-Flusses immer höher hinauf, vorbei an ausgedehnten Baobabwäldern (noch nie so viele an einem Platz gesehen!). Die Einwohber scheinen die Bäume zu lieben und es gibt hier offenbar keine Elefanten, die deren Rinde abschälen. Wir biegen ab auf eine tolle Panorama-Bergstraße, auf der wir schnell in größere Höhen klettern.
Wir fühlen uns an Gegenden in Kolumbien, Ecuador oder Indonesien erinnert, denn ab einer Höhe von etwa 600 Metern endet der Baobab-Bewuchs, wir tauchen in eine extrem fruchtbare Gegend mit viel kleinteiliger Landwirtschaft an steilen Hängen ein. Auf etwa 1000 Meter Seehöhe breiten sich dann riesige, industrielle Banannenplantagen aus, so weit das Auge reicht. Blaue Plastiksäcke schützen die Früchte bis zur Ernte, damit sie auch makellos in die Supermärkte kommen. Auch Macadamia-Bäume gedeihen hier in Reih und Glied über tausende Hektare.
Die Holzindustrie hat der Gegend – ähnlich wie bei Nyanga – ihren unübesehbaren Stempel aufgedrückt, die uns schon bekannten Pinien- und Eukalyptus-Kulturen prägen zunehmend das Bild, je näher wir Chimanimani kommen. Wir sind erleichtert, dass wir in Chimanimani selbst wieder richtigen, ursprünglichen Wald vorfinden. Der Ort liegt malerisch an den grünen Hängen und ist der perfekte Ausgangspunkt für Wanderungen in die beeindruckende Bergwelt.
Unser gewähltes Quartier, die „Heaven Lodge“ gefällt uns auf Anhieb. Wir haben freie Wahl, wo im paradiesisch und liebevoll gepflegten Garten wir campen wollen. Es gibt mehrere ebene Plateaus, auf denen Overlander-Vehikel wie Luna wunderbar gerade stehen können. Wir entscheiden uns für den Platz direkt vor dem Restaurant zwischen der Hecke und dem wohlduftenden Jasminbusch. Da ist es windgeschützt, ohne weite Wege zum Bad und – am Abend noch wichtiger – zum großen Kamin im Restaurant.
Man sieht hinter dem Haupthaus noch, dass der massive Zyklon im März 2019 der Lodge schwer zugesetzt hat. Der Campmanager erzählt, dass ein paar Gebäude mit Gästezimmern von einer gewaltigen Mure, die über den angrenzenden Bach herabstürzte, schlichtweg weggeräumt wurden. Teils stehen nur mehr die Fundamente und erodierende Mauerfragemente. Der ruhige, großgewachsene Mann im Arbeiteroutfit und Baseballkappe deutet mit seinem Schraubenschlüssel in seiner Rechten auf die Markierung am Eingang zum Restaurant. So hoch stand damals das Wasser. Es müssen mindestens 1,80m gewesen sein. Ich mag mir gar nicht vorstellen, welche Schlamm- und Geröllmassen aus dem Gebäude geräumt werden musste. Seither seien sie kontinuierlich mit dem Wiederaufbau beschäftigt, den sie dank des Investments ihres neuen „Directors“ finanzieren können. Sukzessive kommen auch wieder mehr Gäste, das hilft, denn die waren nach den Zerstörungen des Zyklons und aufgrund der ein Jahr später hereinbrechenden Covid-Pandemie auch ausgeblieben. Viele andere krisengebeutelte Zyklonopfer hatten damals aufgegeben und sind aus Chimanimani weggezogen.
Der Campmanager ist gleichzeitig auch Baumeister und -arbeiter. Eifrig eilt er wieder davon, um an der Errichtung neuer Unterkünfte zu werken. Fast immer, wenn wir ihn treffen, hat er gerade irgendein Werkzeug oder Bauteil in der Hand, mit dem er uns zuwinkt. Ich finde, sie machen es richtig gut, die „neue“ Heaven Lodge ist mit dem schönen Garten und tollen Stellplätzen bereits jetzt wieder ein Wohlfühl-Oase mit rustikalem Charme. Da ist die bewachsene Pergola mit ihren Pfeilern aus knorrigen Holzstämmen, unter der wir gemütlich frühstücken, oder der lustig gelb angepinselte Smiley, der vom Hausdach herunterlacht und vielleicht in einem früheren Leben ein Satellitenspiegel war; das schwarze Bord auf dem mit bunten Kreiden „Welcome to Heaven“ geschrieben steht, und natürlich auch der phänomenale Ausblick hin zu den monumentalen Bergen, hinter denen sich dunkel eine mächtige Wolkenwand auftürmt. Ich hoffe, dass wir für unsere Wanderungen gutes Wetter haben werden.
Noch sind wir alleine, werden aber sofort von mehreren Hühnern und einem aufgeregten Hahn umringt, der seine kleineren weiblichen Artgenossen aggressiv malträtiert. Wild springt er sie an und pickt mit seinem spitzen Schnabel auf ihre Schädel, bis ich dazwischengehe und ihn fortjage. Das kleine, von seinem Peiniger erlöste schwarze Huhn bleibt ab sofort ständig in unserer Nähe. Erwartungsfroh wirft es auch einen Blick auf unser Sandwich, und ja, ein paar Brösel fallen immer ab. Da bleibt nicht mal der winzigste Krümel im Gras, Hühner fressen einfach immer.
Wir melden uns für das Abendessen im Restaurant an und haben Glück, denn die Anreise einer größeren Familie verzögert sich und so hat die Küche genügend Zutaten verfügbar, um auch für uns eine große Portion Fish & Chips zuzubereiten. Die Wartezeit vertreiben wir uns vor dem Kamin, in den die weibliche Seele des Hauses ordentlich große Holzprügel angezündet hat. Bei einer großen Flasche des lokalen „Black Lable“ Lagers streicheln wir die zierliche schwarz-weiße Katze des Hauses – „Purrrrrrrrpurrrrr“ tönt es zwischen uns glücklich, wenn unsere Hände über ihr heißer werdendes Fell fahren. Eng kuschelt sie sich an unsere Schenkel und reckt ihre kleinen weißen „Socken“ in Richtung der wärmenden Flammen, wir tun es ihr gleich mit unseren Beinen. Gelegentlich fährt sie mit ihren Krallen genüsslich in die Polster der Couch.
Am nächsten Tag fahren wir nach einem herzhaften Frühstück in der Sonne im Laufe des Vormittags zum Nationalparkbüro, um unsere Touren zu planen. Die beiden Ladies haben dort alles voll im Griff, während die eine zu den möglichen Wanderungen und Ausflügen berät, kümmert sich die andere um die Formalitäten der Registrierung und die Zahlungen der Park- und Guidefees. Wir vereinbaren, dass sie uns für den nächsten Tag einen Ranger organisieren, den wir bereits im 14km entfernten Basecamp treffen wollen, denn in Luna können wir ja mangels Sitzgelegenheit niemanden aus dem Ort mitnehmen. Noch eine schnelle Wegbeschreibung und Tipps für den Besuch der Bridal Veil Falls und wir machen uns auf den rund 4km lange Weg über eine kurvige rote Piste im Eland Sanctuary. Vom Picknickplatz ist es nur ein Katzensprung über flache, dunkle Felsen zum in mehreren Kaskaden sanft in einen dunkelgrünen Pool herabfallenden Wasserfall. Er hat geschätzt eine Höhe von rund 35-40 Meter. Seitlich wächst genährt vom Sprühnebel des Wasserfalls eine fast tropisch anmutende Vegetation. Noch ist der Stand der Sonne nicht ideal, die ersten Fotos werden wegen des Gegenlichts nicht so schön. Daher beschließen wir, gleich zum zweiten, oberhalb gelegenen Pool mit einem etwas kleineren Wasserfall aufzusteigen.
Der steile Anstieg ist teils mit Stufen befestigt, teils aber wegen des losen Sandes relativ rutschig. Wieder sind wir froh, unsere Wanderstöcke dabeizuhaben, die Stufen und Wege sind doch relativ steil. Der obige Pool ist fast noch netter, etwas kleiner, aber verglichen mit dem unteren, noch im Schatten liegenden, marginal „wärmer“. Ermutigt vom schönen Anblick des schimmernden Wassers, schlüpfe ich in meinen Bikini und stelle meinen Mut auf die Probe. „Uahhhh uhhh, das geht nicht!“ Eisschwimmerin bin ich noch keine, ich verzichte auf mehr als ein Bad meiner Füße bis zu den Waden und betrachte es als extreme Kneipp-Erfahrung. Die Erfrischung war dennoch fein, so stapfen wir fröhlich beschwingt weiter hinauf zum Zufluss der Wasserfälle. Der Weg führt über einen Hügel hinaus aus dem ursprünglichen Wald bis an die Grenze zu den Kulturforsten. Hier drehen wir um. Für die kritischen Passagen am Rückweg muss ich meine Teleskopstöcke um gut 10cm verlängern, weil es so steil ist. Aufwärts war es fast leichter. Unten angekommen, gehen wir nochmal vor zum Bridal Veil Fall, jetzt passt das Licht viel besser. Begeistert genießen wir das Naturschauspiel fangen es auf Fotos und Videos ein. Ich bastle uns eine kleine Jause zur Stärkung, danach wage ich es ein zweites Mal, in das verlockend aussehende, aber sehr kalte Wasser zu gehen. Immerhin, diesmal werden auch meine Oberschenkel nass, zu mehr kann ich mich nicht überwinden. Später erfahre ich vom herzlich über meine kläglich gescheiterten Schwimmambitionen lachenden Campmanager, dass Bridal Veil tatsächlich der kälteste Pool von ganz Chimanimani sei. Er räumt mir für den nächsten Tag bei den Digby Falls im Gebirge bessere Chancen ein, der sei zur Mittagszeit deutlich wärmer. Martin runzelt zweifelnd die Stirn, er hatte nur den kleinen Finger als Thermometer ins Wasser gesteckt, das war Abschreckung genug für ihn.
Zurück in der Lodge sitzen wir unter der Pergola und überlegen gemeinsam, ob wir für die bevorstehende Wanderung noch etwas herrichten müssen. Da steht plötzlich ein weißer Mann mit Spazierstock in etwas schmuddeligen, beigen Shorts neben uns, eine rote Wollhaube hängt schräg auf seinem Kopf, kleine graue Haarsträhnen schauen darunter hervor. Er stellt sich als der Nachbar von oberhalb vor und startet in fast britisch klingendem Englisch einen Plausch über alles Mögliche. Dann fragt er, ob wir Kaffee-Liebhaber seien. „Of course, we are, we love coffee!“ Er lädt uns ein, doch einen Sprung bei ihm vorbeizuschauen, er habe da oben (er deutet mit dem Spazierstock zu den zweii hochaufragenden Gum-Trees hinter der Heaven Lodge) eine kleine Kaffeerösterei und wir können gerne kosten kommen, wenn wir wollen. Das macht uns neugierig und rund eine Stunde später bahnen wir uns den Fußweg mitten durch seinen steil am Hang angelegten Permakulturgarten, in dem Avocados, Bananen, Wein, natürlich Kaffeebüsche, einzelne Macadamia, Zitronen, Feigen, unterschiedliche Gemüsesorten und noch viele weiter Nutz- und Zierpflanzen wild durcheinander wachsen. Das passt wunderbar zu dem Typ, denke ich. Sein Haus liegt mittendrin am Hang. Es besteht aus einem einzigen großen Raum, den er wie in einem Loft durch Möbelstücke in verschiedene Wohnbereiche eingeteilt hat. Im Zentrum ein großer Kamin, aus dem teils angebrannte große Äste samt trockener Blätter bis auf den Teppich davor ragen – Holzscheite hacken wird überschätzt! Geht ja auch so, vorausgesetzt man schläft nicht ein, solange das Feuer brennt. Besonders gefällt uns die großflächige vordere Fensterfront. Auf der mit blauen Stoffen bezogenen Couch sitzend genießen wir den wahrscheinlich schönsten Panoramablick auf die Chimanimani Mountains.
Garry, so heißt unser Gastgeber, zeigt uns seine Kaffeespezialitäten. Die schlichten braunen Packungen werden lediglich von der Aufschrift „100% Berry Coffee“ und der Angabe des Röstgrades geziert. Keinerlei aufwendige Marketingbotschaften, nicht mal eine Adresse ist vermerkt. Das braucht es auch alles nicht, der betörende Duft ist Werbung genug, und wir erstehen jeweils eine Packung vom gemahlenen Medium Roast und vom Dark Roast in ganzen Bohnen. Er setzt sich zunächst uns gegenüber, wir plaudern über sein Leben in Chimanimani, wie er unter dem Radar die Zeit der Vertreibung, den Zyklon und Covid überstanden hat, dann geht er in sein Kücheneck, in dem mehrere Gerätschaften zum Kaffee-Brauen stehen, und wählt eine French Press aus, in die er mehrere Löffel seines selbstgerösteten Kaffeepulvers gibt und mit kochendem Wasser aufgießt. Große Tassen werden mit etwas heißem Wasser vorgewärmt und vor uns platziert. Garry drückt den Kolben in der Kaffeekanne hinab und schenkt uns großzügig ein. Neugierig beobachtet er, wie uns der Kaffee schmeckt. Er ist wunderbar aromatisch, wir bereuen den Kauf keine Sekunde, genauso wenig wie die interessante Unterhaltung mit diesem klugen Mann, der sich hier oben sein einfaches, aber offenbar schönes Leben im Einklang mit der Natur geschaffen hat. Er könne von dem, was er selbst anbaut und über den Verkauf seines Kaffees verdient, gut leben.
Er erzählt uns, dass er die Arabica-Kaffeebeeren von Kleinbauern in der Gegend erwirbt. Dazu versorgt er sie mit kleinen Kaffeepflanzen, die diese dann ohne jegliche künstlichen Dünger oder Gifte kultivieren. Die Beeren werden laufend geerntet und geliefert. Bei ihm werden sie dann nach dem Schälen auf einer blauen Plane direkt vor seinem Haus zum Trocknen ausgelegt, bevor sie in zwei baugleichen Trommeln, befeuert mit Abfallholz aus dem nahegelegenen Sägewerk, geröstet werden. Für ein gutes Aroma dürfen die Bohnen unter ständigem Drehen maximal rund 15 Minuten in den heißen Trommeln verweilen.
Erfreut über die spontane Bekanntschaft und die Geschichten über die Gegend wandern wir den kurvigen Pfad durch den Garten retour, ich nehme noch eine große, auf den Boden gefallene Avocado mit aus Garrys Zaubergarten. Sie fühlt sich schön reif an. Sowas bekommt man bei uns in keinem Geschäft!
Vor der morgigen langen Bergtour genießen wir noch die Pizza-Night in der Lodge, die nach über zwei Monten dank der Großfamilie endlich wieder mal stattfinden kann. Nur bei genügend Gästen lohnt das Anheizen des großen Holzofens, der genauso gut bei einem Italiener in Wien stehen könnte. Der junge Pizza-Koch mit den langen Rastazöpfen freut sich enorm über unser großes Lob, dass er den Teig und die Würze hervorragend hinbekommen hat.
Später auf der Kamincouch setzt sich unvermittelt das rund sechsjährige Mädel aus der afrikanischen Familie neben uns, die Katze im Schlepptau, die sie ebenso lieb gewonnen hat wie wir. Sie beginnt abwechselnd von ihren Tieren zu Hause und von ihren Erlebnissen des Tages zu erzählen. Ich verstehe anfangs nicht alles, nur dass sie offenbar in den Niederlanden lebt und für ein großes Familientreffen erstmals auf Besuch in der Heimat ihres Vaters da ist. Ihre etwas verwirrende Geschichte vom „Big Tree“ erschließt sich uns näher, als sich ihr Vater dazugesellt und erklärt, dass sie heute den letzten Wunsch seines verstorbenen Dads erfüllt haben, nämlich, seine Asche beim größten Baum in Zimbabwe zu verstreuen. Das sei für alle Familienmitglieder, insbesondere seine Tochter Willow, die ihren Großvater leider nie persönlich getroffen hatte, ein besonders emotionales Erlebnis gewesen.
Die Tourorganisation der Damen von Zimparks war erfolgreich, am Abend bekomme ich wie vereinbart eine WhatsApp-Nachricht, dass uns der Guide namens Peter um 9:00 am nächsten Morgen im Basecamp erwarte. Großartig, die Vorfreude auf die Berge steigt!
Wir frühstücken mit den Hühnern, also nicht, weil wir so früh dran sind, sondern weil sie stets eiligst herbeilaufen – getrieben von der Gewissheit, dass immer ein paar Krümel abfallen, wenn Gäste am Tisch unter der Pergola sitzen und (in unserem Fall) Conflakes essen. Erratisch bewegen sich die kleinen Köpfe auf und ab, dann wieder seitlich geneigt, damit ihnen ja nichts entgeht.
Wir machen uns bereit für die Fahrt, da kommt auch die Großfamilie schon zum Frühstücken in die Lodge. Willow und ihr Vater kommen noch kurz bei uns vorbei. Sie wirkt heute etwas schüchterner als gestern Abend, wollte aber unbedingt noch „good bye“ sagen. Er schmunzelt sanft und wünscht uns eine schöne Bergtour, wir umgekehrt eine gute Heimreise in die Niederlande.
Der Berg ruft, wir fahren rund 14km auf viel besserer Straße als erwartet zum Basecamp auf 1327m, lediglich die letzten paar Kilometer nach der Durchquerung eines kleinen befestigten Bachbetts sind etwas rauer, in 45 Minuten sind wir am Ziel. Hier stellen wir Luna auf dem großzügigen, flachen Parkplatz mit der Schnauze zum saftig bewaldeten Tal ausgerichtet und machen uns auf die Suche nach unserem Guide. Der findet uns, er hatte uns erwartet. Das Registerbuch muss auch hier befüllt werden, schließlich ist es wichtig festzuhalten, wer und wie viele Personen in die Berge aufsteigen und gegebenenfalls auch dort übernachten. Das ist hier sehr beliebt, denn viele der Routen erfordern mehrtägige Aufenthalte. Wir beraten mit Peter, welche eintägige Runde für uns geeignet ist. Die Wahl fällt auf den steilen Aufstieg über Bailey´s Folly zur Mountain Hut, und retour soll es über die Digby Falls und Banana Grove gehen, das sei zwar länger, aber weniger steil als direkt wieder retour über den gleichen, felsigen Steig. Außerdem ist uns ein Rundkurs lieber. Los geht´s!
Es ist noch kühl in der Morgenluft, doch schon bald legen wir Schicht für Schicht unserer Jacken ab, denn der steile Anstieg durch die Felsen ist durchaus anstrengend. Peter schlägt ein gutes Tempo an und wartet immer wieder geduldig, wenn wir die faszinierende Landschaft mit ihren bizarren Felsformationen fotografieren wollen. Auf relativ kurzer Distanz passieren wir wechselnde Vegetationszonen: den knorrigen Miombo-Wald, immergrüne Bergwälder, montane Trockenwälder, Hochland-Grasland, Heidevegetation, afro-montane Buschvegetation. Und sogar auf den nackten Quarzitfelsen wächst immer wieder mal eine kämpferische Pflanze. Dazwischen bewundern wir zahlreiche Wildblumen, darunter sogar einige schöne Protea. Dann erfordert der Steig eine kurze, aber auch für mich machbare Kletterei durch die Felsen, bis wir endlich auf 1818m am höchsten Punkt der Tour stehen und über den Bergrücken in das weite Hochtal hinabwandern zur Mountain Hut. Hier oben hat es kürzlich erst gebrannt, und die weitläufigen Grasflächen sind Opfer des Feuers geworden, der Boden ist verkohlt und mit Asche bedeckt. Doch die feuererprobten Pflanzen beginnen allseits schon wieder zu sprießen.
Peter erzählt uns einiges über die Berge, die er täglich durchwandert und in denen er jeden einzelnen Stein zu kennen scheint. Die Chimanimani Mountains ziehen sich etwa 50 km von Norden nach Süden entlang der Grenze zu Mosambik. Das Gebirge ist relativ schmal, aber ausgesprochen zerklüftet. Große Teile bestehen aus sehr hartem Quarzit, der die charakteristischen steilen Felsrücken und Gipfel bildet. Peter zeigt auf den uns gegenüberliegenden Mount Binga, der mit 2.436m der höchste Gipfel des Bergmassivs und zugleich der zweithöchste Berg Simbabwes nach dem Mount Nyangani (2.592 m) ist. Diesen haben wir vor ein paar Wochen bestiegen, für den Binga, dessen Gipfel genaugenommen schon in Mosambik liegt, wäre jedoch eine Übernachtung in der Mountain Hut notwendig. Etwas links vom Binga liegt der Mount Dombe, dritthöchster Berg des Landes.
Das Besondere an den beiden Bergen ist weniger die absolute Höhe, als vielmehr die dramatische Landschaft, die sie umgibt: schroffe Quarzit-Grate, Hochflächen, Schluchten, Wasserfälle, Höhlen und große Höhenunterschiede auf relativ kurzer Distanz. Die Kombination aus Höhe, ausreichend Niederschlag, verschiedenen Gesteinen und isolierten Lebensräumen hat zu einer ungewöhnlich hohen Zahl endemischer Arten geführt. Allein im Chimanimani National Park wurden laut Zimbabwe Parks and Wildlife Management Authority 2.182 verschiedene Pflanzenarten identifiziert – mehr als 30% der gesamten Pflanzenvielfalt Simbabwes, davon sind 74 Arten endemisch, kommen also nur hier vor. Diese Vielfalt führte dazu, dass Teile dieses wunderbare grenzüberschreitender Naturraum zwischen Simbabwe und Mosambik 2022 sogar von der UNESCO als „Biosphere Reserve“ anerkannt wurde. Wir hoffen, dass es dazu beiträgt, die Region weiterhin gut zu schützen, denn die Menschen rücken in der Gegend auch zum Gold schürfen in den Bächen aus.
Bei der kleinen Mountain Hut machen wir nach rund dreistündigem Aufstieg unsere wohlverdiente Mittagsrast. Wir sinken in die Campsessel auf der Veranda, und ich reiche Martin das Jausenweckerl, das wir beide gierig verschlingen. „Es ist so schön hier“ – wir verstehen es immer mehr, weshalb Menschen hier oben gleich mehrere Tage verbringen. Unter uns breitet sich am Fuß des Mount Dombe das weite Hochtal aus, in dessen Mitte noch der schmale, grünumsäumte Fluss fließt und scheinbar in mehrere kleine Tümpel mündet. Doch der Schein trügt, das Wasser läuft von mehreren Seiten die Hänge hinunter in die Senken und dann weiter über verschiedene Abbrüche, um weiter unten liegende Wasserfälle und Pools zu speisen.
Zu einem dieser Pools wollen wir als nächstes hinabsteigen. Der erste Abschnitt des Weges ist von der Hütte aus zu sehen, er schlängelt sich als schmales, helles Band unter uns quer durch eine dunkelbraune, verbrannte Graslandschaft. Spätestens jetzt wissen wir Peter noch mehr zu schätzen, gezielt wählt er die richtigen Abzweigungen, die uns die Querung tiefer Gräben ermöglichen. Ohne jegliche Wegweiser und zuverlässige Karten wäre es für uns unmöglich, hier oben den richtigen Steig zu finden. Nach gut einer dreiviertel Stunde bestaunen wir begeistert die Oase bei den Digby Falls. Malerisch rauscht das Wasser aus dem Zulauf in mehreren Stufen hinab in einen wunderschönen Badeteich. Peter lädt zur Rast und ermuntert uns zum Schwimmen. Glücklicherweise kommt gerade die Sonne zwischen den Wolken hervor. Diesmal mach ich es! Auf dem warmen Sandstrand stehend hüpfe ich in den Bikini und suche mir einen günstigen Einstieg, der gleichzeitig auch einen problemlosen (und raschen) Ausstieg ermöglicht. Das Handtuch liegt bereit. Meine Zehen tauchen ein und finden einen Felsen, der nur leicht von Erde bedeckt ist. Es ist nicht rutschig, und so wage ich mich weiter vor an die Kante. Martin sitzt etwas erhöht, gegenüber auf einem großen Felsen, noch zweifelnd, ob ich das wirklich durchziehe. Er verkündet, auf das Vergnügen verzichten zu wollen. Irgendwer müsse ja die Rolle des Rettungsschwimmers übernehmen, falls ich es erstarrt von der Kälte nicht mehr an den „Beckenrand“ schaffe. Ich vermute jedoch, dass sein Verzicht nicht nur damit zu tun hat….
Wir wissen nicht, welche Temperatur der Pool hat, doch das wunderbar klare Wasser ist sehr verlockend. Dann muss es schnell gehen. Platsch, ich springe hinein in das atemberaubend frische Vergnügen. Kälte umfasst meinen Körper. Ein paar wenige, sehr rasche – und laut Augenzeugenberichten nicht sonderlich elegante – Schwimmbewegungen später stehe ich nach maximal dreißig Sekunden wieder auf meinem Ausgangsfelsen. Die Durchblutung lässt die Haut rot glühen und mein Atem ist beschleunigt. „Wouahhhh, das war genial!“. Und weil es so ein intensives Erlebnis war, springe ich kurzerhand noch einmal in den wunderbaren Pool auf 1.523m.
Nach der wunderbaren Erfrischung kann es weitergehen, Peter führt uns auf der anderen Seite einen schmalen Steig wieder hinauf bis auf fast 1.700m. Von da an queren wir ein anderes Hochplateau, das gespickt ist mit zahlreichen einzelnen, schroff aufragenden Felszinken, auf denen sich intensiv orangefarbige Flechten angesiedelt haben. Die von den Bränden erfassten, ebenfalls orange gefärbten Gräser, Heidegewächse und Farne heben sich malerisch vom schwarzen Untergrund ab. Hinter uns ragen die beiden Gipfel auf, wir können uns kaum sattsehen von der Schönheit dieser Berglandschaft, durch die wir wandern. Danach stapfen wir mitten durch einen immergrünen Abschnitt mit mannshohen Farnen und Gräsern, Helikonien und Bananenstauden, von denen diese Route auch ihren Namen „Banana Grove“ hat. Phasenweise sehen wir nicht mal mehr den Pfad, so dicht wird die Vegetation. Mehrmals warnt uns Peter zur Vorsicht, wenn wir einen steilen Abbruch entlang queren, um den märchenhaften Miombowald zu erreichen, den wir hinabsteigen bis zu einem Fahrweg im Tal. Dieser markiert zugleich den tiefsten Punkt unserer Runde auf 1241m. Jetzt ist es nicht mehr lang, von weitem können wir schon Luna ausmachen, zu der wir (leider) noch ein paar Höhenmeter aufsteigen müssen. Nach insgesamt sieben Stunden Bergtour sind wir retour im Basecamp. Peter fragt, wie wir uns fühlen. Wir strahlen ihn beide an: „Tired, but very happy! It was wonderful!“ Wir bedanken uns für seine Geduld bei unseren zahlreichen Fotostopps. Er lacht und freut sich, dass wir seine Heimat so sehr genossen haben.
Glücklich streifen wir die Bergschuhe ab, das wohlverdiente Bierchen zischt unsere Kehlen hinab. Heute werden wir sehr gut schlafen.
Tipps für Chimanimani (Stand September 2026):
Heaven Lodge: wunderbare, liebevoll geführte kleine Lodge in Chimanimani mit vielen flachen Campingstellflächen. Wer am Abend im Restaurant essen möchte, muss es rechtzeitig vorab bestellen, damit die Zutaten besorgt werden können. Die Kamine sind am Abend wichtig, denn es kann schon ziemlich kühl werden!
Wanderungen im Eland Sanctuary: Beliebt ist die Exkursion zu den Bridal Veil Falls. Man kann auch direkt vom Ort die 4km zum Parkplatz wandern, wir fanden es aber besser, hinzufahren und dafür zu den zweiten Fällen oberhalb hinaufzugehen (ca. 15 min), von dort kann man auch noch weiterwandern, die Landschaft ist dann aber nicht mehr sehr spektakulär. Bei den Bridal Veil Falls gibt es auch einen netten Camping- und Picknickplatz samt Grillstellen.
Touren in den Chimanimani Bergen: Die Organisation der Touren sollte man vorab im Nationalparkbüro im Ort machen. Dort bezahlt man auch die Nationalparkgebühren und für den Guide. Es gibt eintägige und mehrtägige Touren, die eine Übernachtung in einer Mountain Hut oder in den Höhlen erfordern. Dafür können neben dem obligatorischen Guide auch Träger für das Gepäck angeheuert werden. Die gesamte Ausrüstung muss dafür aus dem Tal mitgenommen werden, auch Solar-Ladegeräte u/o genügend Batterien für Handy & Co.













































No responses yet