Die Küste Mosambiks


Wir sind uns einig. Auf der N1 zwischen Inchope und Inhassoro regiert zweifelsfrei das Schlagloch. Nichts bestimmt mehr den Rhythmus, die Geschwindigkeit, die Wahl der Spur und natürlich auch die Art des Transportmittels wie diese in vielerlei Formen, Größen und Farbschattierungen im Asphalt und auf Sandpisten auftauchenden Vertiefungen der Bodenoberfläche. Manche zeigen sich dem Autofahrer ohne Umschweife direkt, andere verstecken sich hinterlistig im Schatten von Bäumen oder im Gegenlicht der tiefstehenden Sonne, sodass man sie oft nur im letzten Moment wahrzunehmen vermag. Fahrer und Beifahrer sind angehalten, stets ein wachsames Auge auf die Trasse zu werfen und ohne jegliches Zögern eindeutige Warnungen auszustoßen. Auf der N1 ist die Lage verschärft, so manch PKW wir hier gar nicht mehr gefahren, sondern von Kleinlastern Huckepack über diese fahrwerk- und reifenmordenden Passagen getragen. Somit teilen wir das recht staubige „Erlebnis“ mehrheitlich mit LKW, die herzlich wenig Rücksicht nehmen, wenn sie im Zickzack um die Löcher herumkurven.

An vielen Stellen haben sich bereits Ausweichstrecken gebildet, da ein Befahren der Haupttrasse schier unmöglich wäre. Überraschenderweise gibt es dann aber zwischendurch auch gute, neue Abschnitte, auf denen wir relativ gut vorankommen. Summa summarum rangiert die N1 nicht als schlimmste aller Schlaglochstrecken, die wir bislang auf unseren Afrikareisen erlebt haben, unter die längsten fällt sie allerdings sehr wohl. Nach etwa sieben Stunden Fahrt reicht es uns und wir biegen nach knapp 270km Fahrt durch ein verrostetes Tor auf das Gelände von „Rio Gorongosa“ ein, das wir auf iOverlander als sicheren und etwas abseits der Straße gelegenen Übernachtungsplatz entdeckt haben. Unser Ziel war es, die lange Fahretappe von insgesamt rund 500km in zwei Tagen zu absolvieren, wobei wir nun den längeren und hoffentlich schlimmeren Teil schon hinter uns gelassen haben. 

Campmanager Rodrigo empfängt uns herzlich und weist uns den Weg unter den Bäumen hindurch zum Standplatz für durchreisende Overnight-Camper im hinteren Teil des großen Gartens, gleich neben dem Hühnerstall und den Wassertanks. Dort hätten wir es nicht weit zu Toilette und Dusche. Aber zunächst brauchen wir einmal zur Stärkung einen ordentlichen Kaffee und etwas Süßes. 

Rodrigo fragt uns, ob wir Strauße mögen. Wir bejahen nickend und er verschwindet verschmitzt lächelnd hinter dem Haus. Von dort  hören wir ihn rufen „Come on! Left, right, left, right, left, right. Come, come, left, right, left, right“ …und so fort. Er biegt tatsächlich mit fünf Straußen im Gefolge auf die große Grasfläche vor dem Haupthaus ein. Hier beginnen die riesigen Vögel unmittelbar, an den saftigen Halmen zu rupfen. Sie ersetzten praktisch den Rasenmäher. 

Wir dürfen dicht ran,  sie sogar berühren und mit der flachen Hand füttern. Sie wollen alles probieren – meinen Finger lässt die neugierige Straußendame dann aber doch wieder los – der wird von seiner Besitzerin noch gebraucht. Rodrigo drückt mir die türkisfarbige, frisch gefüllte Schale mit dem Spezialvogelfutter in die Hand, es riecht nach Kokosflocken und Sägespänen. Blitzschnell fixiert sich die Aufmerksamkeit der Strauße auf mich (bzw. die Schale), sie rücken dicht heran. Die Köpfe an den biegsamen Hälsen hebend und senkend, graben sie ihre dreieckigen Schnäbel heftig in die staubige Mischung. Es ist kaum auszumachen, zu welchem Strauß welcher Kopf gehört. Aufrecht stehend überragen mich die Vögel um einiges. 

Nach der Fütterung führt Rodrigo seine Straußenbrigade vom Gelände, artig folgen sie seinen „left, right, left, right…“-Rufen und marschieren (beinahe) im militärischen Gleichschritt hinterdrein. Nur einer scheint etwas unschlüssig, ob er noch ein weiteres saftiges Grasbüschel naschen sollte, folgt dann aber doch den Kollegen.

Die Futtergier der beindruckenden Tiere hat auch uns hungrig gemacht. Heute bekommt Martin für die großartige Fahrleistung seine Lieblingsnudeln mit Pesto a la Genovese. Wir freuen uns auf uns eine ruhige und erholsame Nacht. 

Leider wird daraus nichts. Die Scheinwerfer von Spätankömmlingen tauchen am Tor auf. Schlagartig wird es laut auf dem sonst lauschigen Platz. Eine aufgeregte Frau springt aus dem Auto und schreit irgendwas vom Tor zu Rodrigo, der ihr eh schon entgegenläuft. Der Fahrer stellt sein Auto keine fünf Meter von uns entfernt hin. Warum denn das? Das Gelände ist doch so groß! Rodrigo überzeugt sie, sich wenigstens noch ein Stück weiter nach hinten zu bewegen. Doch das hilft halt auch nicht viel, wenn danach drei Kinder und aufgeregte Jungeltern ohne jegliche Wahrnehmung ihrer Umwelt über das gesamte Gelände ihren Lärm verteilen, als wäre sonst niemand anwesend. 

Es kostet uns einiges an Überwindung, nichts zu sagen. Martin murmelt nur „Geht’s mit Puffottern spielen!“ vor sich hin. Wegen unserer fehlenden Bitte auf etwas Rücksicht geht das Schauspiel am nächsten Morgen weiter. Diese Familie schaffte es, nicht nur spät anzukommen und spät schlafen zu gehen. Nein, sie beginnen ab vier Uhr früh bereits mit dem Kochen des Frühstücks (d.h. Töpfe und Kisten klappern), das Auto zweimal umzupacken, Zeltstangen und Ausrüstung herumzuwerfen, laut nach den Kindern zu rufen (die selbst schon streiten), zu diskutieren und den Kompressor zum Aufpumpen der Reifen anzulassen. Und wir hatten uns anfänglich wegen der direkten Nachbarschaft zum (krähenden) Hahn Sorgen gemacht, der im Vergleich zu den aufgescheuchten Hendln im Nachbarauto jedoch der reinste Ohrenschmaus war!

Um sechs Uhr dreißig, nach sage und schreibe zweieinhalb Stunden ist der lärmende Spuk endlich vorbei, und die Familie verlässt das Gelände. Martins zynisches Winken wird mit einem freundliche Gegenwinken des Fahrers quittiert (der erste persönliche Kontakt!). Unglaublich, einfach null Wahrnehmung der Umwelt. Wir atmen kurz tief durch. Ich bin beim Aufstehen gerädert vom Schlafentzug und fühle mich krank, mein Hals schmerzt höllisch. Martin schaut auch zerknautscht aus. Rodrigo und der Eigentümer erkundigen sich vorsichtig und entschuldigend mit den Schultern zuckend, wie es uns ginge. Wie immer sind wir ehrlich, betonen aber, dass wir derartig rücksichtlose Camper noch nie erlebt hätten und das definitiv nichts mit dem Platz an sich zu tun hat.  

Müde schlürfen wir unseren Morgenkaffee, der die Lebensgeister wieder in uns weckt. Jetzt erst traut sich der Hahn an uns krähend vorbeizulaufen, seine Hennen gackern hinterdrein. Ich muss erstmals schmunzeln. In wenigen Minuten sind wir aufgepackt und nun rollen auch wir nach freundlicher Verabschiedung von Rodrigo vom Hof. 

Wir überqueren den breiten Rio Save auf einer mautpflichtigen neuen Brücke und rollen weiter südwärts. Hin und wieder werden wir an Polizeicheckpoints angehalten, die meisten wollen eh nur kurz plaudern und wissen, wo wir herkommen und hinfahren. Andere haben Durst und wir schenken ihnen eine angebrochene Wasserflasche. Nur einmal mussten wir eine kleine Strafe zahlen, weil wir im Ortsgebiet mit 63km/h statt der erlaubten 60km/h erwischt werden. Rechnung gibt es dafür keine, der Schein wandert schnell in die Jackentasche des lächelnden, gut im Futter stehenden Uniformierten. 

Noch an der N1 füllen wir die Tanks bis oben hin voll. Unsere Sorge, dass es in Mosambik durch den Iran-Krieg kein Benzin gibt, entpuppt sich als grundlos, viele Tankstellen haben geöffnet und haben Treibstoff. Erleichtert biegen wir auf die siebzehn Kilometer lange Stichstraße hinaus ans Meer bei Inhassoro. Der kleine, einfache Ort ist ruhig und entspannt. Mit Hilfe der schematischen Karte im Reisführer weiß ich ungefähr, wo es Möglichkeiten zum Einkauf gibt, wir besuchen den zentralen Markt, die Bäckerei und einen Bankomaten zum Auffüllen der Bargeldbestände –  auf dem Markt und den kleinen Gemüseständen gilt die Devise „nur Bares ist Wahres“. Einige Zick-Zack Fahrten später haben wir uns für ein paar Tage am Campsite für sehr wenig Geld mit Gemüse, einer herrlichen reifen Ananas, Wasser und ein paar Dosen „2M“ – dem gschmackigen lokalen Lager – eingedeckt und freuen uns über die netten Begegnungen mit den Händlern, die sich alle enorm freuen, wenn Touristen ihre Waren schätzen. Mein Portugiesisch-Spanisch-Mix hilft dabei und zaubert ein amüsiertes Lachen auf die meisten Gesichter. Zuletzt noch ein Abstecher in die „Paderia“, zu der mir die Marktstandler gestenreich den Weg beschreiben. Wir haben Glück, der Bäcker leert eben eine große Kiste voll mit frisch gebackenen, kurzen Spitzbaguettes in den Verkaufstresen. In dieser Form findet man Brot in anderen afrikanischen Ländern sehr selten. Lediglich 41 Meticais kosten die sechs Brötchen, das sind umgerechnet nicht einmal 60 Euro-Cent! Begleitet vom verführerischen Duft des noch warmen Brotes in der Einkaufstasche zu meinen Füßen, fahren wir nach Süden auf einer Sandpiste hinaus zum „Goody Villas“ Campingplatz. 

Schon bei der Einfahrt auf das Gelände rufen wir beide: „Das schaut ja genial aus, und keiner da“. Vor uns liegt ein großer grüner Garten mit viele alte Bäume, ganz vorne ein kleiner Palmenhain, dahinter schimmern der weiße Sand und das Meer um die Wette. Da wollen wir hin. Das Check-in geht schnell, denn gezahlt wird erst bei der Abreise. Der junge Mann weiß, was Camper brauchen und erkundigt sich geschäftstüchtig, ob wir denn frischen Fisch, z.B. Red Snapper, Langusten oder Tintenfische erwerben möchten für das Braai. Er hätte da seinen Freund Mateo, den er nur anrufen müsse. Wir strahlen ihn an, all die genannten Meerestiere stehen sofort auf der Wunschliste! Wir bestellen für morgen einen Fisch und für übermorgen die Calmare und Langusten. 

Unser Camp schlagen wir in der ersten Reihe direkt unter den Palmen auf. Gerade so, dass wir genug Platz für noch ein Auto haben, denn die netten Schweizer, die wir in Gorogosa kennengelernt haben, werden ja morgen mit ihrem „Bushbaby“ anrücken. Sessel und Tisch sind schnell aufgebaut. Ich finde, das ist der perfekte Platz, um erstmals unsere neue Hängematte aufzuhängen. Das schöne Teil von „Ticket to the Moon“ hatte ich erst einen Tag vor unserer Abreise gekauft. Es ist aus superleichter Fallschirmseide gefertigt und das Aufhängesystem ist einfach genial, vorausgesetzt, man wählt zwei Palmen, die nahe genug aneinander stehen. Beim ersten Versuch verschätze ich mich um knappe 5 cm mit der Distanz, die Matte würde zu hoch und straff hängen. Rasch verlege ich einen der baumstammschonenden „MoonStraps“ auf die nächstgelegene Palme – es hat ja genug – und 30 Sekunden später kann ich schon Probesitzen. „Das ist perfekt!“ jubiliere ich in Richtung Martin, der soeben aus Lunas Bauch entsteigt, um ein Foto von der Hängemattenpremiere zu schießen. 

„Bom dia“ schallt es da hinter mir. Das mit der Fischlieferung ging schneller als erwartet. Mateo streckt mir einen leuchtend roten Schnapper und einen silbrig glänzenden Baracuda entgegen. Dann landen die beiden zur näheren Beschau erst einmal im Gras. Wir brauchen nicht lange zu beraten, welchen wir nehmen. Der Schnapper kommt an den Hacken der kleine Handwaage, deren Digitalanzeige stattliche 2,8 kg zeigt. „Hmmm, das ist schon sehr viel“, murmle ich. Trotzdem schlagen wir zu, in der Hoffnung, dass die Schweizer Fisch ebenso gerne essen wie wir. Mateos Service beinhaltet auch das Filetieren. Ich reiche ihm ein gutes Messer und ein Brett. Nach wenigen Minuten kommt er wieder mit den herrlichen Fischteilen, die ich rasch in eine Box übersiedle und in den Kühlschrak stecke. Martin erledigt einstweilen das Finanzielle. 

Der Wind wird stärker und die smaragdgrüne Hängematte rotiert mit aufgeblähtem Rumpf zwischen den tragenden Palmen, deren Wedel rascheln. Da hilft nur eines, ich lege mich mit Handtuch und Polster rein zum Dösen. Schließlich brauche ich mit meiner Erkältung noch Ruhe und viel Schlaf. Doch die Ruhe ist mir nicht lange gegönnt, da steht Mateo wieder vor mir. Diesmal hängen zwei fangfrische rund 25cm große Kalmare an seinem Haken. Aus übermorgen ist heute geworden und unser Fisch bekommt noch eine Beilage. Was wir allerdings unterschätzt haben, ist die Menge. Die Kopffüßer füllen selbst ausgenommen, gehäutet und in Ringe geschnitten eine ganze Tupper-Box plus ein Plastiksackerl. Ich erkundige mir noch beim Fischhändler unseres Vertrauens, wie ich die am besten zubereiten soll. Es reiche eigentlich Marinieren mit Zitrone, Salz und Olivenöl – quasi wie Ceviche. Klingt gut, später entscheide ich mich dann aber doch für die Variante, die Ringe auf die heiße Platte am Gasgrill zu legen. Beide, Fisch und Calamari, werden traumhaft zart. Was gibt es Schöneres als unter Palmen, die Füße im Sand und dem Schlagen der Wellen lauschend, fangfrischen Fisch mit einem guten Gläschen Chenin Blanc zu genießen. Besser geht´s kaum!

Am nächsten Tag steht Mateo schon auf der Matte, als ich es gerade mal geschafft habe, eines meiner Augen zu öffnen.  Ich öffne die Heckklappe, und stammle ein müdes „Bom dia, Mateo“. Erwartungsfroh streckt er mir die langen Beine und Fühler von drei riesigen, farbig gemusterten Langusten entgegen. Die salzwassernassen, sandigen Krustentiere landen zunächst mal mit Schwung auf unserem Holztisch (na super, der freut sich!) bis ich aus Lunas Bauch über die Stiege hinausstolpere. Die Wahl fällt auf die kleinste Languste, die dann in einem Plastiksack in der Kühltruhe der Lodge zwischengeparkt wird. Unser eigener Kühlschrank ist ja schon voll belegt.  

Wie erwartet rollt am frühen Nachmittag Bushbaby aufs Gelände. Martin hat Luna schon ein wenig umgestellt, damit die beiden Schweizer ebenfalls genug Platz in der vordersten Reihe haben. Es ist ein fröhliches Wiedersehen mit Maya und Manfred! Schnell ist auch vereinbart, dass sie gerne bei unserem Fischgelage mitmachen. Sie wollen Salate und Wein beisteuern und wir bleiben nicht auf unseren fangfrischen Vorräten sitzen.

Ich muss mich unbedingt auskurieren, in der Nacht hatte ich gefühlt etwas Fieber. Maya borgt mir ihren Fieberthermometer und spendet auch einen Malariaschnelltest, nur für alle Fälle. Den brauche ich noch nicht, denn meine Temperatur ist nur erhöht und ich habe eine rinnende Nase. Eine richtig schwere Erkältung also. Die Tissue-Box mutiert zu meinem besten Freund und ständigen Begleiter, der fix mit in die Hängematte darf. Dort ist es heute aber nicht ganz so heimelig. Der Wind hat noch mehr zugenommen und schon bald beschließen sowohl die Schweizer als auch wir, dass es besser ist, das Lager nach weiter hinten zwischen die Bäume zu verlegen. 

Da es am Abend mit meinem Schnupfen und mittlerweile auch Husten noch immer nicht zum Besten steht, erklärt Manfred, das Kochen zu übernehmen. Ich installiere lediglich unseren wunderbaren Gasgrill auf Bushbabys herabgeklapptem Sandblech-Tisch (ist gleich wie bei Luna) und mariniere noch die Tintenfischringe. Manfred legt los – er ist gelernter Koch, somit wird das bestimmt hervorragend. Zusammen mit Mayas Rübli-Salat und meinem angerösteten Gemüsereis von gestern, sind wir bestens versorgt. Heute werden gegrillter Fisch und Calamari von einem portugiesischen Rosé begleitet. 

Eventuell waren es am Ende dann doch mehr Flaschen als geplant, denn am nächsten Tag beschließen die beiden, nach Inhassoro zu fahren. Der Bestand des rollenden Weinkellers müsse dringend aufgefüllt werden und ein Shopping-Stop beim China-Shop sei auch geplant – „Der hat einfach alles!“ Es ist bereits der zweite Aufenthalt der beiden hier, weshalb sie die Geschäftsinfrastruktur des kleinen Küstenortes bereits sehr gut kennen. 

In der Nacht hat mich mein bester Freund verlassen, die Tissue-Box ist leer-geschnäuzt, ab jetzt wird die Küchenrolle dünner und dünner, wiewohl sie etwas kratzig ist. 

Die Schweizer kommen zurück, Maya präsentiert den Großeinkauf bei der Bäckerei. Es duftet herrlich aus dem großen schwarzen Sack – selbst ich mit meiner verstopften Nase kann es riechen. Wir lachen herzlich, denn eine „Maus“ war offenbar auch schon dran, einem Brötchen fehlt bereits der Spitz. Manfred leugnet beharrlich. Wir planen schnell unser zweites Fischgelage für den Abend, diesmal mit Languste und den restlichen Tintenfischen. Verdursten könnten wir jetzt auch nicht mehr, für genug Wein-Nachschub haben die beiden auch gesorgt. 

Manfred bringt mir eine Flasche Hustensaft, den er in der Apotheke in Inhassoro für mich besorgt hat, und Maya überreicht mir lächelnd ein Geschenk: eine neuen Box Tissues! Es ist rührend aufmerksam, dass sie auch an einen Ersatz für meinen entschwundenen besten Freund gedacht hat. Maya liebt afrikanische Stoffe – damit lassen sich so viele dekorative Looks im Haus gestalten. Sie hat gleich einen großen Sack voll mit den bunt bedruckten Tüchern erstanden und schenkt uns eines davon.

Mir geht es dank viel Zeit in der wunderbaren Hängematte deutlich besser und so verbringen wir einen sehr vergnüglichen weiteren Grillabend mit unseren lieben Nachbarn. Heute experimentieren Manfred und ich mit der Languste, die sich auf dem Grill langsam feurig orange färbt. Das köstliche Fleisch im Schwanz wird in vier Stücke zerteilt, es schmeckt himmlisch gut zusammen mit dem Rösti aus Manfreds Pfanne und einer Mischung aus Kräutern, Knoblauch und Olivenöl. 

Am nächsten Morgen heißt es Abschied nehmen, denn unsere Reise geht weiter nach Vilanculos, die Bushbaby-Crew bleibt noch. Wir sind heute schon sicher, dass wir die beiden irgendwann und irgendwo in Afrika wieder mal treffen wollen und werden. 

Wir schaffen es gerade rechtzeitig, all unsere sieben Sachen in Luna zu packen und sind bereit zur Abfahrt, als ein heftiges Gewitter aufzieht. Es blitzt und donnert schon bedenklich nahe. Kaum sind wir im Auto, schüttet es auch schon wie aus tausend Kübeln gleichzeitig. Der Scheibenwischer schafft es gerade noch, die Sicht auf die Straße einigermaßen zu erhalten. Wenigstens wäscht der Regenguss den dicken Staubmantel von Luna ab. Im Ort muss Martin zum Geldabheben trotzdem kurz aussteigen, er hüpft eilig über den kleinen Graben am Straßenrand, durch den inzwischen eine orange Brühe bergab schießt. Als er vom ATM zurückkommt, ist er „waschelnass“ und schaltet frierend die Heizlüftung an. „Brrrr, hoffentlich wird das Wetter weiter südlich besser.“ Wir schielen hinauf in die dicken, dunklen Wolken über uns und machen uns bei Weltuntergangs-Stimmung auf den Weg in den nächsten Küstenort.

Vilanculos ist nicht weit entfernt, womit wir schon bald nach Mittag im „Bahia Mar“ ankommen. Wir gönnen uns drei Tage Luxus in diesem herzigen Boutiquehotel am Strand gegenüber von Bazaruto. Leider werden wir den berühmten Archipel mit seinen Korallenriffen diesmal nicht besuchen, weil das Wetter nicht mitspielt und ich keinen Rückfall bei meiner Erkältung riskieren will. Trotzdem genießen wir es hier sehr, das Essen ist vorzüglich und ich verwöhne mich mit einer Relax-Massage. Wir nutzten zudem beide die außerordentlich gut ausgestatteten Fitnessräume des Hotels. Hier finden wir alle möglichen Geräte, Bänder, Gewichte und Bälle – „Ist fast wie zu Hause in der Sporthalle!“ juble ich. Martin kann es auch kaum erwarten, kräftig in die Pedale des Ergometers zu treten. Wir machen ausgiebig lange Strandspaziergänge. Auf dem ersten gehen wir bei Ebbe am von Muscheln übersäten Meeresgrund weit hinaus. Dort sind gerade Fischer dabei, ihr Netz an Land zu ziehen. Gut fünfzehn Menschen sind schon kräftig am Ziehen.  Wir packen mit an, wandern ins Wasser und schnappen nach dem Seil des Netzes, dessen Bauch immer näherkommt. Ein paar Frauen hüpfen schon in die Mitte und beginnen, kleinere Fische aufzusammeln. Als der Hauptteil der Beute an die Oberfläche gedrückt wird, bekomme ich einen Schreck und lasse abrupt das Seil fallen. Oh nein, wir haben doch jetzt nicht ernsthaft mitgeholfen, Schildköten zu fangen? Zwei große und eine kleinere der Meeresbewohnerinnen zappeln hilflos im Netz. Doch meine Angst ist glücklicherweise unbegründet. Die Fischer befreien die streng geschützten Tiere sofort, und eine nach der anderen wird unmittelbar wieder in Freiheit entlassen. Einer darf ich noch einen helfenden Schubser geben, damit sie schneller vom sandigen Untergrund in etwas tieferes Wasser gelangt und erleichtert davonpaddeln kann. 

Die Einheimischen widmen sich bereits wieder dem eigentlichen Fang. Ich sehe einige größere Fische und sogar einen Rochen. Wir verabschieden uns und setzten unsere Wanderung fort, leider ohne unsere Flip-Flops, die wir vor der Fischfang-Aktion auf den Boden abgelegt hatten. Es wird für immer ungeklärt bleiben, ob sie Beute der bereits hereinziehenden Flut oder eines vorbeigehenden Menschen wurden… Ich grüble, was mir lieber ist:  der Umstand, dass wir fahrlässiger Weise zur Verbreitung von Plastikmüll im Meer beigetragen haben, oder dass ab morgen jemand glücklich mit neuen Flip-Flops durch den Ort läuft. Ich denke, am Ende ist zweiteres besser. 

Eine weitere Wanderung führt uns am Strand entlang zur Ortsmitte und retour entlang der Straße, dort kaufen wir an verschiedenen Ständen Gemüse und Obst ein, immer wieder erstaunt, wie günstig es ist. Auch der hiesige, von außen unscheinbare Mini-Supermarkt ist relativ gut sortiert, und wir erstehen ein paar Kleinigkeiten. Damit sind wir mit frischen Lebensmitteln für die kommenden Tage  wieder gut versorgt. Lunas Wassertank wird in der Früh noch ordentlich gefüllt und unsere Reise ins Hinterland Mosambiks kann losgehen. 

Tipps für die Region Inhassoro / Vilanculos (Stand August 2026):

Inhassoro ist das kleinere, ursprünglichere Dorf mit „Goody Villas“ als wunderbarem Campingplatz unter Palmen.

Vilanculos ist „mondäner“ (zumindest für Mosambik), hier entstehen schon die ersten, wirklich schönen Hotels. Wir würden jedenfalls wieder das Bahia Mar wählen, dort sind sowohl die Zimmer zum Meer, als auch die Gartensuiten sehr nett, die Küche hervorragend und das Personal aufmerksam. Außerdem gehört es einem Mosambikaner, das Geld bleibt also im Land.

Die ersten internationalen Hotelketten (z.B. Anantara, &beyond) setzen sich gerade im Bazeruto-Archipel gegenüber fest, bieten totalen Luxus, rufen aber teilweise Malediven-Preise auf.

Das Schnorcheln an den Riffen im Archipel muss traumhaft sein, auch Walhaie werden immer wieder mal gesehen. Konnten wir leider nicht testen.



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