Krokodile

Die Crocodile Farm in Kazungula liegt nur ein paar hundert Meter von der River View Lodge entfernt, in der meine Schwester Sonja, Nichte Maria und ich uns für ein paar Nächte direkt am Chobe eingemietet haben. Also naheliegend, dass wir ihr einen Besuch abstatten. Nach kurzem Fußmarsch stehen wir vor dem gesicherten Eingangstor. Dort lesen wir die angebrachten Hinweisschilder, die vor Hunden warnen und eindringlich ersuchen, dieses immer gut zu verschließen. Ob sonst die großen Echsen ausbüchsen? 

Außer uns wartet noch ein Pärchen vor dem Gate, selbständig aufmachen traut sich niemand. Ich schüttle einmal ordentlich an der montierten Kuhglocke, und von deren Gebimmel herbeigerufen, kommt ein paar Minuten später die Eigentümerin der Farm, umringt von mindestens fünf wild umherspringenden Hunden unerkennbarer Rassen, um uns zu öffnen. Der kleinste, dackelartige Racker namens „Schnitzel“, rauscht übermütig und sichtlich aufgeregt über den Besuch unter dem Zaun durch. Ich sag noch zu Sonja, die hüpfen mich sicher gleich alle an, schon „pratzelt“ Schnitzel mit seinen Krallen an meinen Hosenbeinen und ein anderer großer brauner Hund schnüffelt und reibt interessiert an meinen Waden. Nur schnell weiter, denke ich. 

Entlang des Weges zum Gebäude stehen große, schattige Bäume, auch ein paar Zitronen- und Mangobäume sehen wir, ringsum tummeln sich zahlreiche Hühner und stattliche Hähne, Enteneltern mit ihren flauschigen gelben Kücken und Gänse. Ich murmle Sonja zu: „Ob die wohl das Futter für die Krokodile sind?“ Zum Glück für den gefiederten Kleintierzoo erfahren wir später, dass diesem nicht so ist, sondern die Krokodile mit bereits toten Hühnern versorgt werden, davon dann aber reichlich.

Wir betreten eine kleine Halle, in der vier kreisrunde Becken mit jeweils ein Meter hohen Betoneinfassungen angelegt sind. In den ersten beiden liegen gleich drei stattliche Krokodile, die bei unserem Näherkommen sofort aufmerksam die Augen öffnen. Es entgeht ihnen keine Vibration im Boden. Beim Exemplar in Einzelverwahrung der trockene Hinweis: „Don’t get too close, he is very territorial!“ Dahinter liegen rund zehn Krokodile im Alter zwischen drei bis fünf Jahren einfach außerhalb ihres Geheges. “Yes, they can jump out and in, just as they want – even the bigger ones do it!“ Aber das sei ok, wir sollten nur genug Distanz halten. Kurz darauf geht sie eilig um die Einfassung herum und scheucht mit ihrem schnell vom Fuß gestreiften Flip-Flop energisch auf den Boden schlagend eine neugierige Echse weiter nach hinten. 

Als Nächstes erklärt sie uns enorm viel Wissenswertes über ihre Schützlinge. Die grünen Augen sind mit drei Lidern ausgestattet, zwei für oben und unten zum Schließen der Augen, sowie ein drittes durchsichtiges, das sich seitlich schließt, wenn das Krokodil unter Wasser taucht.  Die urzeitlichen Echsen waren schon da, als es noch Dinosaurier auf der Erde gab, und haben diese sogar gejagt. Sie können über 100 Jahre alt werden, manche bis zu 120, wobei die Altersbestimmung wie bei Bäumen anhand der Jahresringe in den Panzerplatten erfolgt. 

Wir dürfen einen Panzer anfassen, um besser zu verstehen, warum man ein Krokodil nicht einfach erschießen kann, die Kugel würden an dieser Rüstung abprallen. Die Bauchseite hingegen fühlt sich sehr weich an. 

Der Gang von Krokodilen wirkt an Land etwas schwerfällig, im Wasser sind sie allerdings schnelle und äußerst behände Schwimmer, wenn sie ihre Beine anlegen und den kräftigen Schwanz einfach nur nach links und rechts bewegen. 

Am Kopf befinden sich Hörner, die jedes Jahr ein wenig wachsen, dazwischen eine kleine Mulde, der Platz für das Mini-Gehirn, das kaum die Größe einer Haselnuss erreicht. Kein Wunder also, dass man sie so gut wie nicht trainieren kann. 

Die Krokodil-Farmerin erläutert uns höchst anschaulich einige Fakten zum Gebiss, indem sie es an unseren Unterarmen demonstriert, freilich nur anhand der Kiefer und Schädelknochen bereits toter Tiere! Erstaunliche bis zu 55-60 mal wachsen ihre Zähne nach, selbst die nadelspitzen Zähnchen eines nur einjährigen Kroks hinterlassen deutliche Abdrücke auf meiner Hand. 

Wir dürfen dann alle unseren Arm zwischen die Kieferknochen (ohne Zähne) eines ausgewachsenen Exemplars legen und das enorme Gewicht spüren. Schnapp! Mit bis zu einer Tonne Kieferdruck können die Tiere zuschnappen. Da kommt nichts mehr raus, der Arm würde einfach ausgerissen. Kämpfende Krokodile können sich gegenseitig zwar nicht aufbeißen wegen des starken Panzers, aber der Druck würde dem Gegner sehr wohl die Organe dermaßen quetschen, dass er an inneren Blutungen eingehen kann. Krokodile sind wegen ihres besonderen Blutes fast gegen alles immun, weshalb der Konsum ihres Fleisches und Öls als extrem gesund eingestuft wird. 

Unser Guide klettert dann einfach in das Gehege mit den ein- bis dreijährigen Echserln, schnappt sich ein rund 50 cm langes Exemplar knapp hinter dem Kopf, unwillig strampelt es mit den Beinen und windet wild seinen Schwanz. Wir hören es empört fauchen. Die erfahrene Frau setzt ihn sich dann einfach auf die flache Hand und Unterarm und lässt die Umklammerung los. Und siehe da, der gerade noch wütende Geselle bleibt regungslos sitzen und öffnet sein Maul zur Entspannung. Seine zehn Zentimeter langen und spitzen Zahnreihen blinken uns an. Wir sehen und lernen, dass die Zunge fix mit dem Unterkiefer verbunden ist. Wir dürfen in jetzt sanft am Rücken und am Bauch streicheln und sind entzückt, wie super-soft die Haut ist. “Who wants to hold it?“ Sonja spring mutig vor, fasziniert und neugierig. Maria und ich beäugen, wie das kleine Krokodil sanft auf Sonjas Unterarm abgelegt wird. Tatsächlich bleibt er auch bei ihr komplett brav sitzen, Sonjas Lächeln kehrt (vielleicht etwas nervös) zurück und wir dokumentieren die Szene sogleich mit unseren Kameras. Jetzt trauen wir uns auch. Es fühlt sich gut an, kühl, weich, und ich spüre das Echserl atmen. Sowas kann man aber nur machen mit einem Krokodil, das jeden Tag zur ungefähr gleichen Zeit genau diese Erfahrung macht, nämlich, dass ihm nichts passiert mit den Touristen (wir erinnern uns, sie haben ein sehr kleines Gehirn!). Ein Training wie im Zirkus ist nicht möglich, erklärt uns die Krokodilkennerin, um sich sodann über die dummen Versuche von gehirnlosen Menschen zu empören, die sensationeller Shows wegen ihren Kopf in das Maul von ausgewachsenen Echsen halten. Es sei schon mehrfach zu schweren Unfällen dabei gekommen.

Wir wandern zu den großen „breeding ponds“, dort soll Moremi, das sehr alte, dominante Männchen schwimmen. Es ist Paarungszeit, und in der Früh und am Abend hört man, wie er seine Weibchen herbeiruft. Dazu lässt er mit seinem Rückenpanzer das Wasser tanzen, die Vibration lockt die Partnerinnen an. Er testet dann mit einem seitlichen Stupser, ob sie bereit sind. Im Gehege liegen viele weitere große Männchen, aber die dürfen sich nicht paaren – das hat Moremi nicht so wirklich gerne. Nach der Paarung graben die Weibchen im Sand ein tiefes Nest, in das sie ihre Eier ablegen. Das Brüten übernimmt dann die Wärme im Nest, welches die Mutter für zwei Monate bewacht, ohne selbst zu fressen. Diese Art des Nestes unterscheidet Krokodile auch von den vornehmlich in Nord- und Südamerika heimischen Alligatoren, welche ihre Nester aus Zweigen und Laub oberirdisch bauen. 

Der zweite Teich liegt malerisch teils in der Sonne, auf der Oberfläche hat sich eine giftgrün schimmernde Schicht aus Wasserlinsen gebildet, darin liegen die Leiber von gut zwanzig ausgewachsenen Tieren. Zwei reichlich grün gefärbte Riesenexemplare kommen näher, als sie unsere Schritte spüren (Könnte ja sein, dass wir Futter bringen?) und lassen ihre breiten und schwerfälligen Körper nur kurz vor dem Zaun auf den Boden sinken.

Safari-Guides erzählen immer wieder ziemlichen Unfug darüber, wie man männliche von weiblichen Krokodilen unterscheiden kann – ich habe so manche unüberprüfbare Theorie auf unseren Reisen schon gehört. In Wahrheit kann man das Geschlecht nur verlässlich herausfinden, wenn man mit dem Finger die Kloake abtastet, da findet man dann einen Penis oder eben nicht. Kein Safari Guide würde sowas machen – hoffentlich! 

Fütterung steht einmal im Monat auf dem Programm, da wird dann so rasch wie möglich eine ganze Lastwagenladung tote Hühner in die Gehege geworfen, je nach Hunger schnappen die Krokodile dann zu. Moremi schafft da schon mal 24 Hühner auf einmal zu vertilgen. Die Vogelleiber werden samt Federn und Knochen einfach verschluckt, kein Kauen. Bei der Verdauung helfen zwei Mägen, die es mit aggressiven Säuren schaffen, einfach alles – auch jegliches Metall – zu zersetzen, am Ende bleibt nur mehr Staub übrig. Einzig Plastik bleibt unverdaut, unter anderem belegt durch Flipflops, die bei der Obduktion eines toten Krokodils in dessen Verdauungstrakt gefunden wurden. 

Am Ende der Führung erzählt uns die Krokodilfarmerin noch, dass die Zuchtfarm ihren Ursprung damit hatte, dass sie, damals noch als Teenager, gemeinsam mit Vater, Bruder und Schwester im Okavango-Delta ein paar große Krokodile eingefangen und nach Kazungula gebracht haben. Heute betreut sie rund 300 Tiere. Bis vor kurzem war es ein gut gehendes Business, mit Exporten des Krokodilnachwuchses zu den Krokodilfleisch- und -lederproduzenten in Zimbabwe und Südafrika. Nun hat die botswanische Regierung allerdings den Export untersagt und ein lokaler Verkauf ist nicht möglich. Somit lebt die Farm und ihre Tiere aktuell von den Einnahmen durch Besucher. Als Alternative erwägt die Besitzerin nun, ihre langjährige Zuchterfahrung in den Dienst der Rettung und Erforschung bedrohter Krokodilarten zu stellen. Wir drücken die Daumen, dass es ihr in den nächsten Jahren gelingt, dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen.  

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